Wirtschaft
als Schulfach
Eine
Lehre aus der Finanzkrise lautet schlicht: Früher anfangen. Wer
schon
Schüler und Auszubildende für wirtschaftliche
Zusammenhänge
interessiert, schafft eine breite Basis für Fachkräfte von
morgen.
Von
THOMAS A. LANGE
Über die
gestiegene Bedeutung einer soliden
Wissensvermittlung von wirtschaftlichen Zusammenhängen im
Schulunterricht besteht bereits seit längerer Zeit breiter
Konsens. Nun
hat die andauernde Krise an den internationalen Finanzmärkten
durch die
ausführliche Berichterstattung in den Medien die Themen Wirtschaft
und
Finanzen auch für Jugendliche noch mehr in den Vordergrund
gerückt.
Nach
einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) zum
Wirtschafts- und Finanzverständnis von Jugendlichen ist die
Finanzkrise
für zwei Drittel der Befragten ein aktuelles und häufiges
Gesprächsthema in ihrem persönlichen Umfeld, das heißt
in der Schule
oder am Ausbildungsplatz, in der Familie und im Freundeskreis.
Insgesamt 70 Prozent der 14- bis 24-Jährigen halten Informationen
über
die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung für wichtig oder sehr
wichtig und interessieren sich für wirtschaftliche
Zusammenhänge. Dabei
erwarten die Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Wirtschaftsinformationen in erster Linie von den Medien (75 Prozent)
und von der Schule (70 Prozent) und wünschen sich die
Einführung eines
eigenen Schulfachs "Wirtschaft".
Dieser Wunsch ist nicht
zuletzt ein
Beleg dafür, dass es mit den wirtschaftsspezifischen Kenntnissen
der
Befragten nicht nur zum Besten steht: Die Studie zeigte teilweise
erhebliche Wissenslücken bei ökonomischen Sachverhalten auf.
So konnten
40 Prozent der Teilnehmer mit dem Begriff der sozialen Marktwirtschaft
"nichts Bestimmtes" verbinden, und immerhin 30 Prozent hatten keine
bestimmte Vorstellung von dem, was sich hinter dem Schlagwort
"Globalisierung" verbirgt. Noch gravierender sind die Defizite bei
konkreten Kenntnissen wirtschaftlicher Grundlagen wie beispielsweise
dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Hiervon hatten zwar fast drei
Viertel der Befragten schon gehört, aber nur etwas mehr als die
Hälfte
konnten den Begriff auch richtig erklären. Und lediglich 6 Prozent
der
Umfrageteilnehmer waren in der Lage, auch nur ungefähr die
momentane
Höhe der Inflationsrate in Deutschland anzugeben.
Das Thema
Wirtschaft spielt an den Schulen nach wie vor eine Nebenrolle und wird
fast überall nur ergänzend zu anderen Fächern wie
Politik, Geschichte,
Sozialwissenschaften oder Gemeinschaftskunde unterrichtet. Vor diesem
Hintergrund verwundert es nicht, dass Ulrich Junghans, Vorsitzender der
Wirtschaftsministerkonferenz der Länder, eine
Überprüfung der Lehrpläne
einfordert.
Als Reaktion auf die
erkannten Defizite hat der BdB
bereits im Jahr 2008 einen Vorschlag für die ökonomische
Bildung in
Deutschland erarbeiten lassen. Kernüberlegungen des Konzeptes
waren
neben der Forderung nach einem eigenen Schulfach die folgenden Thesen.
Erstens: Ökonomische Bildung gehört zur Allgemeinbildung und
nicht zur
Spezialbildung. Zweitens: Gute ökonomische Bildung benötigt
auch
entsprechend qualifizierte Lehrer. Drittens: Ökonomische Bildung
bringt
eine neue Lern- und Leistungsqualität in das deutsche Schulsystem.
Auch
mit dem Planspiel "Schul/Banker", in dem Schülern Kenntnisse zum
Bankgeschäft vermittelt werden, versucht der BdB,
Wissenslücken zu
schließen. Das Planspiel wird mittlerweile seit elf Jahren
veranstaltet, mehr als 45 000 Jugendliche haben sich daran beteiligt.
Teams von vier bis sechs Schülern führen in dem Projekt eine
Bank und
übernehmen die Aufgaben eines Bankvorstands, um das eigene
Institut im
Wettbewerb möglichst erfolgreich zu führen. Hierzu
müssen die Schüler
eine Vielzahl von realitätsnahen Entscheidungen treffen, darunter
in
den Bereichen Sparen und Kredite, Aktienfonds, Online Banking, Aufbau
eines Filialnetzes, Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter, Werbung,
Marktforschung und Konkurrenzbeobachtung.
Zu den Aufgaben des
Planspiels gehört zudem die Beobachtung der Marktentwicklung, der
Konjunkturlage und das Verhalten der Wettbewerber, wobei auch die
gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Vorschriften der Bankenaufsicht
zu berücksichtigen sind. Auf diese Weise sollen die Schüler
hautnah
erleben, wie Marktwirtschaft und Wettbewerb funktionieren, und auch auf
diese Weise das notwendige Wissen im Finanz- und Wirtschaftswesen
vermittelt bekommen.
Die genannten Beispiele
belegen, dass die
privaten Banken ihre Bemühungen um die Wissensvermittlung
wirtschaftlicher Zusammenhänge als einen wichtigen Teil ihres
gesellschaftspolitischen Engagements begreifen.
Dr. Thomas A. Lange,
Sprecher des Vorstandes der NATIONAL-BANK AG,
Essen, F.A.Z., 05.11.2009
Quelle: FAZ, Euro Finance
Week, vom 5.11.2009
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