Hoch klettern und tief springen hilft beim Deutsch
lernen
Sprachförderung mit Tanz und
Turnen für Migrantenkinder
Von Martina
Schwager - epd Osnabrück. Rohan (5) und Fahed (4) müssen
immerzu kichern: Zuerst sollen sie und ihre Kindergartenfreunde Po an
Po tanzen und ganz schnell im Kreis rennen. Dann machen sie sich ganz
klein und ganz groß, singen laut und leise. Und das alles vor
einer echten Ministerin. Die niedersächsische
Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) informiert sich in
Osnabrück in der Kindertagesstätte Atter über das auf
zwei Jahre angelegte Projekt „Bewegte Sprache – Sprachförderung
durch Bewegung“.
Wanka
plädiert dafür, das Konzept landesweit in den
Kindergärten zu übernehmen, falls sich erste
vielversprechende Ergebnisse bestätigen: „Es darf nicht immer nur
Projekte geben, die nachher in der Versenkung verschwinden.“ Dafür
solle das Niedersächsische Institut für frühkindliche
Bildung und Entwicklung (nifbe) sorgen, das gemeinsam mit der
Universität Osnabrück Träger des Projektes sei, fordert
die Ministerin. Das Land fördert das insgesamt 500000 Euro teure
Projekt mit 180000 Euro. Weitere 200000 Euro kommen von der
„Friedel-und-Gisela-Bohnenkamp-Stiftung“.
In
rund 50 Kindergärten in der Region wird der neue Ansatz
Sprachförderung schon erprobt und wissenschaftlich ausgewertet.
Ein erstes bereits vor zwei Jahren durchgeführtes Pilotprojekt
habe gezeigt, dass Kinder über die Lust an der Bewegung
Sprachdefizite besser ausgleichen könnten, sagt Projekt- und
Institutsleiterin Professor Renate Zimmer: „Früher haben die
Kleinen sich mehr widerwillig an einen Tisch gesetzt, um Sprache zu
lernen. Heute wollen am liebsten alle mittanzen und -hüpfen.“
Rohan
und Fahed haben eindeutig Spaß. Rohans Muttersprache ist
Albanisch, Fahed ist mit Arabisch aufgewachsen. Mittlerweile seien den
beiden die immer wieder kehrenden deutschen Satzmuster der
Bewegungsspiele schon geläufig, sagt die Leiterin der Kita Atter,
Sabine Stade. Sie ist bereits nach den ersten Monaten überzeugt,
dass dieser Ansatz der richtige ist. „Wir sind nicht auf 20 Minuten
Sprachtraining beschränkt, sondern können das täglich
überall anwenden, beim Klettern im Wald oder beim Springen in der
Turnhalle.“
Zwei
Erzieherinnen würden regelmäßig fortgebildet und
gäben ihr Wissen an die übrigen Mitarbeiter weiter. So
würden alle Kinder erreicht. Denn es gebe auch immer mehr deutsche
Kinder, die etwa den richtigen Gebrauch der Präpositionen nicht
beherrschten, sagt Stade. „Beim Klettern zum Beispiel können die
Kolleginnen mit den Kindern dann die Wörter ,auf’, ,unter’ oder
,neben’ trainieren. Und das Lernen macht auch noch ganz viel
Spaß.“
Bundesweit
sei schon viel Geld für wenig effektive Integrations- und
Sprachförderprojekte verschwendet worden, kritisiert die
Sportwissenschaftlerin Zimmer. Das Thema Bewegung in der
frühkindlichen Entwicklung ist schon seit Jahrzehnten der
Schwerpunkt ihrer Forschungen und zahlreicher Veröffentlichungen.
Der eigene Körper und seine Bewegungen seien „der Motor der
Entwicklung und das Tor zum Lernen“, betont sie immer wieder.
Rohan
und Fahed machen sich mit ihren Freunden mittlerweile fertig zum Start
in den Weltraum. Zum Hüpfplaneten soll es gehen. Gemeinsam
zählen sie den Countdown von zehn herunter. Dann geht’s mit
Getöse los. Kita-Leiterin Stade sieht stolz zu: „Die Kinder
profitieren jetzt davon. Die Gesellschaft langfristig.“
Quelle:
GN, 28.9.2010
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