Grafschafter Schulgeschichte

Schule Hsepe 1960

Schöltien 

Wielen

Schule Hesepe 

1960

Gymnasium

Nordhorn 1960

Alte Schule Lage 

1691 - 1960

Schule Achterberg

ca. 1935

Schule Wilsum 

um 1900

Kirchschule Schüttorf um 1900

 Einführung in die Grafschafter Schulgeschichte

„Sie gehen alle drin, weil sie nicht alle dringehen“

Heinz Ragnitz legt eine „Schulgeschichte der Grafschaft Bentheim“ vor

von Alois Brei

Als im Jahr 1968 die evangelische und die katholische Volksschule in Laar zusammengelegt werden sollten, traten unerwartete Schwierigkeiten auf. Nach dem Willen der katholischen Elternschaft sollte in jedem Klassenraum ein Kreuz hängen, während die evangelischen Eltern nur ein einziges Kreuz im Schulgebäude angebracht haben wollten, das mit einem Wort aus der Heiligen Schrift versehen sein sollte. In einer Abstimmung entschieden sich Zweidrittel aller Eltern gegen das Kreuz in allen Klassenräumen. Schließlich waren alle Eltern mit nur einem Kreuz im Gebäude einverstanden. Mit einjähriger Verzögerung erfolgte die Zusammenlegung.

Diese und andere Episoden sind in der „Schulgeschichte der Grafschaft Bentheim“ festgehalten, die der ehemalige Schulrat Heinz Ragnitz erarbeitet hat. Er hat dazu Heimatliteratur, Schulchroniken, Zeitungsberichte sowie mündliche und schriftliche Aussagen aus Schulen und Institutionen zusammengetragen. Die Darstellung soll nicht gedruckt werden, sondern steht im Internet als Teil des Projekts „Die Grafschaft Bentheim im Unterricht“ (www.gbiu.de) allen Interessierten zur Verfügung.  

Neben einem Abriss der Schulgeschichte von den Anfängen bis 1918 wird jede Schule, die es in der Grafschaft Bentheim gibt oder gab, in ihrer Entwicklung dargestellt. Einige wenige Lücken will der Autor noch schließen. Außerdem werden alle Schulaufsichtsbeamten der letzten Jahrzehnte vorgestellt und man kann Listen aller in den Jahren 1957 und 1967 an Grafschafter Schulen tätigen Lehrerinnen und Lehrer einsehen.  

Über die Anfänge des Schulwesens in der Grafschaft Bentheim liegen keine sicheren Kenntnisse vor. Erstmals erwähnt wird das "Schulehalten" in den Privilegien, die der Graf von Bentheim den Städten in der Grafschaft gewährte. In der Zeit vor der Reformation gab es nur Schulen  in Bentheim, Schüttorf, Neuenhaus und Nordhorn. Erst allmählich wurden in den kleineren Gemeinden Schulen eingerichtet. Nordhorn und die übrigen Städte versuchten diese Entwicklung zu verhindern, da die als Boten fungierenden Schulkinder aus den Landgemeinden den Läden und Handwerkern in den Städten manchen Auftrag brachten. Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden nach und nach Bauernschafts- oder Nebenschulen. Über den Unterricht in diesen Schulen berichtet Lehrer Ackerstaff 1872 in der Hardinger Schulchronik: "Es wurde nur in den Wintermonaten unterrichtet und in den Sommermonaten war gar keine Schule. Wenn ... der Herbst bzw. der Winter sich einstellte, so wurde in der Gemeindeversammlung zur Sprache gebracht, dass wieder ein Lehrer zu wählen sei. Die Kenntnisse bei einem Lehrer waren genügend, wenn er ziemlich gut schreiben, in der Bibel lesen und etwas rechnen konnte. In der Regel waren alte Schäfer zu haben, welche mit diesen Unterrichtsgaben begabt waren. Der betreffende Bauer, bei dem der Schäfer diente, wurde beauftragt, ihm die Lehrerstelle für die Winterzeit anzutragen. Das Gehalt betrug durchschnittlich 25 bis 30 Gulden im Winter und Reihetisch".  

Die Königliche Großbritannisch-Hannoversche Landdrostey ordnete 1824 Verbesserungen an. Die Schulen wurden in Haupt- oder Kirchspielschulen und Neben- oder Bauernschaftsschulen eingeteilt. Für jede Schule wurde ein fester Schulbezirk angeordnet. Der Unterricht sollte in deutscher Sprache erteilt werden, wobei in der Niedergrafschaft auch niederländisch zugelassen war. Neben Lesen, Schreiben, Rechnen und Religion sollten auch „gemeinnützliche Kenntnisse“ vermittelt und Anweisungen zum Singen (besonders Kirchengesang) gegeben werden. Es wurden Bestimmungen zur Anstellung und Prüfung der Schullehrer herausgegeben, Schulzeiten festgelegt und die Aufsicht über die Schulen geregelt. Die Pastoren wurden als örtliche Schulinspektoren eingesetzt, außerdem zwei Kreisschulinspektoren angestellt. Unter anderem war der Wilsumer Pastor Visch viele Jahre lang für die Niedergrafschaft zuständig. Die Ausbildung der Lehrkräfte verbesserte sich z. B. durch die von August Fokke in Neuenhaus gegründete private Lehrerbildungsanstalt, die bis zu seinem Tode 1873 existierte. Nach dem Ende des Kaiserreiches wurde 1919 die geistliche Schulaufsicht aufgehoben.

Die Zustände in den alten Schulen waren aus heutiger Sicht oft haarsträubend. Die kleineren Schulen hatten in der Regel nur einen Lehrer, der nicht selten 100 bis 130 Kinder unterrichten musste. Die Schulwege waren weit. In der Nordhorner Stadtschule war um 1835 der Schulraum so klein und die Anzahl der Kinder so groß, dass sie nur dann alle Platz fanden, wenn nicht alle zum Unterricht erschienen. Ein Spottvers machte die Runde: „Sie gehen alle drin, weil sie nicht alle dringehen.“ In der 1830 gebauten Schule in Wielen spendete ein offenes Herdfeuer bescheidene Wärme. Im Halbrund um das Herdfeuer saßen die Kinder auf ungehobelten Brettern, die auf wackelig stehenden Holzstümpfen ruhten. In der Schule Vorwald begann im Februar 1929 der Unterricht wegen starker Kälte erst um  9 Uhr. Die Temperatur in der Klasse ließ sich nur bis auf  + 8 ° C bringen. Die Tinte war häufig eingefroren.

Auch in der Grafschafter Schulgeschichte spiegeln sich politische Verhältnisse, Krisen, Ideologien und Umstürze. Manche Lehrer dienten in vier politischen Systemen. Während im Kaiserreich die jährlichen vaterländischen Sedansfeiern ausgerichtet, die Weimarer Demokratie eher skeptisch akzeptiert wurde, ersetzte ab 1933 der „Deutsche Gruß“ das morgendliche Gebet und die NS-Rasselehre und andere Ausformungen nationalsozialistischer Ideologie waren zentrale Unterrichtsgegenstände. Nach dem Zusammenbruch des 3. Reiches schließlich sollten die gleichen Lehrerinnen und Lehrer Kinder zu Bürgern in einem demokratischen Gemeinwesen erziehen. 

Doch nicht nur politisch-ideologische Forderungen und Ausrichtungen änderten sich häufig. Im 19. Jahrhundert und bis weit in zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts besuchten Grafschafter Kinder überwiegend die achtjährigen Volksschulen. Um 1830 gab es so genannte Lateinschulen nur in Bentheim und Schüttorf, außerdem eine privat geführte in Neuenhaus. Nordhorns erste Realschule entstand erst 1891 (Freiherr-vom-Stein-Realschule), 1904 wurde in Neuenhaus die Städtische Rektorschule gegründet, 1961 bzw. 1975 entstanden Realschulen in Emlichheim und in Uelsen. Als erstes Grafschafter Gymnasium wurde 1923 das Missionsgymnasium Bardel gegründet, 1925 folgte das Nordhorner Gymnasium, 1962 das Burggymnasium Bentheim, 1968 das Gymnasium Neuenhaus und 1975 das Gymnasium Emlichheim. Uelsen erhielt erst 2004 eine Außenstelle des Neuenhauser Gymnasiums.  

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die bis dahin dominierenden Volksschulen aufgelöst. Ihr Ende ging einher mit der Schließung vieler kleiner Schulen in den Landgemeinden. Die heutige Schullandschaft der Grafschaft ist geprägt durch wohnortnahe Grundschulen und die häufig in Schulzentren konzentrierten Schulen der Sekundarstufe, ergänzt durch einige Sonderschulen und die berufsbildenden Schulen in Nordhorn. Manchen Schulformen war nur ein kurzes Dasein beschieden: die einst hoch gelobten Orientierungsstufen sind schon wieder verschwunden, ebenso die Kooperative Gesamtschule Neuenhaus. 

Ehemalige Schüler, Lehrerinnen und Lehrer werden in der von Heinz Ragnitz vorgelegten „Grafschafter Schulgeschichte“ viel über die eigene Schule erfahren. Jede Schule kann zudem auch im Zusammenhang der regionalen Entwicklung gesehen werden kann. Und nicht zuletzt werden Einblicke in das Alltagsleben früherer Generationen eröffnet. Leider werden Schulchroniken als Quelle der Schul- und Regionalgeschichte heute kaum noch geführt.