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Mit
den Beziehungen früherer Schüler zu ihrer alten
Schule , dem jetzigen Gymnasium Nordhorn, setzte sich während
der Feierstunde zum Jubiläum des 50-jährigen
Bestehens dieser Anstalt Professor Dr. Bernhard
Großfeld
in einem Festvortrag auseinander. Prof. Großfeld , der
aus
Bentheim stammt und die frühere Oberschule von 1944 bis 1954
besuchte, lehrt jetzt an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen
Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in
Münster.
In seinem Vortrag vor der
Festversammlung stellte Professor Großfeld die Frage, ob er und
seine damaligen Klassenkameraden die jetzige Schule immer noch
als die ihrige bezeichnen dürften. Er beschränkt sich, da er
als einzelner diese Frage trotz größten Bemühens
um Objektivität nicht für alle Altersgenossen verbindlich
beantworten könne, auf die Frage, ob die Schule noch heute
für die
Werte stehe, von denen er und seine Klassenkameraden geprägt
worden
seien, die aus der Erfahrung als tragfähige Basis des
Lebens erkannt worden seien und von denen er wünsche, dass sie an
die Kinder weitergegeben werden könnten.
Konzessionen
an politische Umwelt unvermeidbar
Professor
Großfeld zeigte in groben Zügen die
Verhältnisse auf, in denen in der ersten Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg in der Nordhorner Oberschule unterrichtet worden ist. Die
damaligen Lehrer hätten es trotz oft nicht geringen politischen
Drucks verstanden, den damaligen Schülern eine im großen und
ganzen an der überkommenen Kulturwerten orientierte Schulbildung
zu vermitteln. Gewisse Konzessionen an die politische Umwelt
seien zwar unvermeidbar gewesen, trotz alledem sehe er jedoch auch
heute keinen Anlass, die damalige Lehrer zu verleugnen.
Problematik
nicht im Wollen und Einsatz der Lehrer begründet
Gewiss stelle sich ihm seine Schulzeit heute in einigen Aspekten als
problematisch dar, das liege jedoch nicht am Wollen und am Einsatz der
Lehrer, sondern an allgemeinen Trends, denen sie sich nicht hätten
entziehen können. Es sei gut gewesen, dass die Vitalität und
der innere Kompass junger Menschen sich bilungspolitischen Versuchen
gegenüber auf die Dauer durchgesetzt hätten. Im
Wortlaut führte Professor
Großfeld weiter aus:
Mein Mitschüler Hartmut
Mawick dichtete seinerzeit treffend:
"Schulreformen sah´n
wir scheitern,
die man klug sich
ausgedacht,
doch uns konnte nur
erheitern,
was man in Hannover
macht.
Bücher wechseln
wie Moden,
wenn sie oben nicht
genehm,
Änderung in
Lehrmethoden,
bracht ein neues
Schulsystem.
Doch eins konnt dem
Kultus nicht
und keiner Macht
gelingen,
uns um das inn´re
Gleichgewicht
und um den Spaß
zu bringen."
Sie spüren sogleich, dass dieses
Gedicht von zeitloser Aktualität ist. Es waren auch noch andere
Probleme, die die Schule auf ihrem Weg begleiteten, die selbst heute
nicht ganz ausgestanden sind, sich zum Teil sogar verschärfen, zum
Teil allerdings abschwächen.
Die Schwierigkeiten der Fahrschüler wurden wohl nicht
genügend
beachtet, die Ausfallquote war daher bei ihnen hoch. Scheinbar
konzentrierte sich die schuliche Intelligenz in der Stadt Nordhorn.
Der Erwartungshorizont der Lehrer wurde wohl auch nicht immer den
Kindern gerecht, die aus sozial anderen häuslichen
Verhältnissen kamen. Hier entsinne ich mich eines Aufsatzes
über die Frage, wie man Radio hört, obgleich zumindest
einer in unserer Klasse zu Hause kein Radio besaß. Immerhin
ist
einzuräumen, dass das Thema bei ihm zu einer Anregung der
Phantasie
führte und von daher einen wichtigen pädagogischen Zweck
erfüllte.
Ausbildung
stark auf intellektuell-rationale Vorgänge ausgerichtet
Wesentlich aber scheint mir, dass die Ausbildung stark auf
intellektuell-rationale Vorgänge ausgerichtet war, dass die in
anderen Bereichen sich entfaltenden schöpferischen Kräfte vor
allem im Handwerklich-Unternehmerischen und Künstlerischen nicht
immer die nötige Aufmerksamkeit fanden.
Der Schüler, dem es gegeben war, über die größten
Fragen das Nötige in Kürze leichthin zu sagen, hatte wohl
einen gewissen Vorsprung. Die Achtung vor dem einfachen Menschen, die
unseren Staat in höheren Maße tragen, als wir "Akademiker"
es
uns häufig eingestehen, die gerade deshalb groß sind, weil
sie einfach ihre Pflicht tun, kam in der Schule nicht immer deutlich
zum Ausdruck.
Ausbildungszeiten
verlängert - Bildung wurde Konsumgut
Hinzu trat der in dieser Zeitzu beobachtende Trend zu einer
Verlängerung der Ausbildungszeiten, wie er beispielhaft an der
Einführung des 13. Schuljahres - wir gehörten zur ersten
Klasse, die man nach dem Krieg damit "beglückte" - deutlch wurde.
Dieser Trend hat sich an den Universitäten in ständig
ausgedehnteren Studienzeiten fortgesetzt. "Wir erleben
gegenwärtig eine grenzenlose Überschätzung alles
dessen, was in Hörsälen im weitesten Sinne des Wortes lehrbar
ist. Das sieht sich fast so an, als ob jeder Mensch, der in der Praxis
tätig ist, ausschließlich zum Dümmerwerden
verurteilt sei, während man die Schulbank gar nicht lange
genug drücken kann, um sich als Persönlichkeit zu entfalten"
(Jürgen Eick). Bildung ist so - statt zu einer Investition in die
Zukunft - selbst zum Konsumgut geworden, das für den einzelnen und
den Staat sehr teuer kommt.
Äußerer Anlass für eine Besinnung auf die auftretenden
Probleme ist zwar die sich verschärfende Numerus-clausus-
Situation an den Universitäten. Innerer Anlass aber ist die
Einsicht, dass ein zu lang hingezogener, auf Rezeption ausgerichteter,
die Jugendlichen zur Passivität verurteilender Ausbildungsprozess
zu Persönlichkeitsstörungen führt, zu Lebensangst und
später zu beruflichen Anpassungsproblemen. Die schöpferische
Phantasie, die Fähigkeit und der Mut, Verantwortung zu tragen,
Entscheidungen in Ungewissheit zu fällen, verkümmern zu
leicht
darüber. Noch mehr aber verkümmert die
wesentliche Quelle des Glücks, nämlich das Gefühl der
eigenen schöpferischen Kraft. Zuckmayer sagt zu Recht: "Die einzig
dauerhafte Form irdischer Glückseligkeit liegt im Bewusstsein der
Produktivität". Heute setzt sich denn auch wieder die Erkenntnis
durch, "dass man das Beste im Leben erst nach der Schule lernt"
(Heinrich
Seidel); das Wichtigste ist eben nicht lehrbar, es kann nur selbst
erfahren und dadurch erlernt werden.
Schule:
Gut geführte gutbürgerliche Einheit
Die Schule stellte sich uns trotz dieser Fragen und Probleme, die ich
ohne jeden Vowurf anführe und die ich auch nicht überbewertet
wissen möchte, im großen und ganzen doch als gut
geführte, gutbürgerliche Einheit dar; sie war geprägt
von der erlebten Bejahung der Verfassung und den dort verankerten
Werten und von einer christliche Tradition, die nicht nur im
Religionsunterricht, sondern auch im Vorbild vieler Lehrer zum Tragen
kam.
Dieser Werthintergrund tritt hervor in den Worten unseres Redners auf
das Abitur 1954, meines tödlich verunglückten
Klassenkameraden Berhard
Wortel; er sprach davon, dass das Leben
aufzubauen sei auf den von der Schule gelegten Fundamenten "zur Ehre
Gottes und zum Wohle unseres Volkes und Vaterlandes". In dieselbe
Richtung weist das Gedicht Bonhoeffers, mit denen der damalige Direktor
Leonhardt die Abiturienta 1954 entließ:
"Von guten Mächten
wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was
kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend
und am Morgen,
und ganz gewiss an jedem
neuen Tag".
Ich
glaube, dass damit die allgemeine Stimmung, wie sie Schüler und
Lehrer beherrschte und miteinander verband, richtig wiedergegeben
wurde. Diese vom inneren Zustand her von manchen doch als golden
angesehenen Zeiten liegen wohl auch in Nordhorn hinter uns. Das Lied
"Immer strebe zum Ganzen" wurde zwar auch damals gesungen, aber
könnte man die oben zitierten Worte heute noch so unbefangen auf
Abiturfeiern sagen? Müsste dort nicht viel mehr von Verantwortung,
Mündigkeit, Selbstbestimmung, Gesellschaft die Rede sein?
In der Tat, vieles ist im Hinblick auf eine kritische Betrachtung
fragwürdig geworden; eine Zeitlang schien es sogar, als ob das
sogenannte "kritische Hinterfragen" die einzige ehrenwerte
Beschäftigung der intellektuell nicht unterentwickelten
Volksschichten sein dürfe. Dabei wurde dann vielfach
übersehen, dass Kritik nicht nur einen negativen, sondern auch
einen
positiven Aspekt, nämlich den der Anerkennung fremder Leistung
haben muss, dass die Kritik zuerst bei uns selbst und bei den engen
Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit beginnen sollte. Noch
wichtiger
aber ist, dass bei aller Bereitschaft zum kritischen, auch die
Fähigkeit zur eigenen schöpferischen Leistung nicht erlahmen
darf.
Bewusstsein
für Geschichte jetzt zunehmend verloren
Wir erleben heute aber auch einen zunehmenden Verlust des
Geschichtsbewusstseins. Das geht so weit, dass von einigen alle
Geschichte vor 1900 als - wie es neuhochdeutsch heißt -
irrelevant abgelehnt wird. So als ob wir die Welt erst in unserer Zeit
neu geschaffen hätten, so als ob wir die großen
geistesgeschichtlichen Traditionen des Christentums schlicht vergessen
könnten.
Gerade für den Juristen - der ich bin - ist das Ausblenden der
Geschichte ganz unannehmbar; ihm steht die fortwirkende Kraft des
römischen Rechts über 2000 Jahre hinweg bis in unsere Zeit
hinein vor Augen, ihm hat sich immer wieder die Lehre von der
Wiederkehr der Rechtsfiguren bewahrheitet.
Auf ähnlicher Ebene liegt die zunehmende Ausblendung der
Metaphysik. Religion wird zu einer Form der Sozialerziehung und Gott zu
einer Funktion des zwischenmenschlichen Verkehrs. "Wissenschaft" und
"Gesellschsft" sind vielfach an seine Stelle getreten. Die Folge
ist, dass wir das, was wir früher mit Hilfe der Theologie
und der Naturrechtslehre vom Himmel holen wollten, heute mit Hilfe der
Wissenschaften aus dem Boden - sprich: aus dem Gesellschaftlichen -
stampfen wollen.
Soziale
Beziehungslehre ohne ethischen Maßstab
Wir gelangen so zu einer sozialen Beziehungslehre ohne vorbildlichen
ethischen Maßstab. Es mag manchmal so erscheinen, als ob wir uns
mit Hilfe der Wissenschaft - und heute vorzugsweise der Wissenschaft
von der Gesellschaft - am eigenen Zopfe aus allern
Unzulänglichkeiten unserer Existenz und unserer Erkenntnis
herausziehen könnten, wo doch Erlösung allenfalls aus dem
Glauben kommen kann.
Gewiss entspricht vieles bei diesen Veränderungen ganz einfach der
Sehnsucht der Jugend nach neuen Grenzen und der gewandlten politischen
Situation. Aber wir müssen uns heute doch auch fragen, ob wir
diese
zumindest in ihrem Ausmaß von uns vielfach nicht geliebte Phase
der Verunsicherung nicht selbst heraufbeschworen haben.
Wir haben ständig von der Komplexität der
Lebensverhältnisse geredet,wir haben die Komplizierung des Lebens
durch die Technik eher als Ausdruck des Fortschritts denn als
meisternde Aufgabe gesehen. Statt dessen haben wir einer
Verwissenschaftlichung immer weitergehender Lebensbereiche das Wort
geredet; wir wollten uns - zum Teil wider unser inneres Wissen
- nicht dem Modetrend entziehen, der nach Wissenschaft schrie,
der von der Wissenschaft letzte Erkenntnisse ja sogar innerweltliche
Erlösung erhoffte. Dadurch haben wir Hoffnungen geweckt, die wir
so gar nicht erfüllen können. Wir haben auch die Rolle der
Phantasie, die Bedeutung der Spontaneität , die Kraft des
Gefühls gegenüber der wissenschaftlich intellektuellen
Betätigung zurücktreten lassen, wohl wissend, dass nach wie
vor in vielen Bereichen der Satz gilt "wenn Ihr´s nicht ahnt, Ihr
könnt es nicht erjagen", wohl wissend, dass zum Menschen das
Geheimnis gehört.
Mangel
an Mut zur Autorität
Oft haben wir es auch an Mut zur Autorität fehlen lassn, zu einer
Autorität aus Sachkenntnis und aus Lebenserfahrung heraus, auf die
doch der Jugentliche als Leitbild und als Reibungspunkt zur
Herausbildung der eigenen Persönlichkeit einen unbedingten
Anspruch hat.
Gestehen wir jetzt mühsam erwachsen Gewordenen uns doch ein,
dass trotz allen Geredes von der Komplexität des Lebens und der
Pluralität der Meinungen unser Leben nach wie vor von einigen
relativ einfachen Grundvorstellungen getragen wird, die uns zum Teil
überkommen sind, die wir zum Teil aber auch selbst gezimmert haben.
Das Verschämte unserem eigenen Werthorizont gegenüber, das
Verdecken der Sterne, die uns leiten, kann uns wohl von seiten der
Jüngeren - die nicht wie wir die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt
haben - zu Recht zum Vorwurf gemacht gemacht werden. Wir haben uns viel
auf unsere Pragmatik zugute gehalten, auf unser nüchternes,
praktisches Denken. Gerade dadurch konnte die Meinung auftauchen, dass
unsere Interessen allein auf Verbesserung des Lebensstandards, auf
Wachstum des Sozialprodukts und auf den selbstmörderischen Abbau
der natürlichen Reserven gerichtet waren.
Aber wir brauchen nicht einmal so hoch anzusetzen bei Werten, die sich
für eine vertiefte Diskussion vor einem großen anonymen
Zuhörerkreis doch nicht eignen. Bleiben wir bei dem, was mir als
Juristen näher liegt, bleiben wir bei den praktischen Tugenden der
täglichen Lebensgestaltung.
Auch diese Tugenden, an denen wir uns ausrichten, die unsere
Lebensführung gestalten, die unseren Lebenserfolg bestimmt und die
uns "im Strom der Zeit" geformt haben, haben wir den Jüngeren
gegenüber oft verleugnet.
Ich erwähne nur beispielsweise ohne Anspruch auf
Vollständigkeit das Wissen um die Unzulänglichkeit der
eigenen Erkenntnis, um die Abhänigkeit des einen vom anderen, um
das Ethos des Dienens, um die Notwendigkeit der Toleranz. Weiter, dass
die Fähigkeit zum Verzicht Basis der Unabhängigkeit ist, dass
Anspruchslosigkeit Kraft bedeutet und Bereitschaft zur Ausdauer
verleiht; aber auch, dass die Einhaltung bestimmter Formen einen Wert
an sich verkörpert: "Denn die Form ist die Schwester der Freiheit
und die geborene Feindin der Willkür". Oder, wie der
französische Dichter Valery sagt: "Le doute mène à
la form", der Zweifel führt zur Form.
Von
Disziplin nicht mehr zu sprechen gewagt
Von Disziplin haben wir in einer auf Wachstum und Konsum getrimmten
permissive society oft nicht mehr zu sprechen gewagt. Wir haben daher
wohl auch dem Drang des jungen Menschen zur Beschäftigung mit den
großen, den letzten Fragen manchmal zu früh stattgegeben und
dabei die Lehre des berühmten deutschen Juristen Rudolf von
Ihering vergessen, der sagte: "Ich könnte mir nichts Verkehrteres
denken, als den akademischen Vortrag statt auf die Erlernng des
einzelnen auf allgemeine Gesichtspunkte zu stellen. Es hieße, die
akademische Jugend systematisch zur Oberflächlichkeit und
Ungründlichkeit zu erziehen". Das Wissen um die diszipliniernde
Kraft der Beschäftigung mit kleinen Dingen, um die
Größe im Einfachen haben wir wohl nicht immer genügend
betont.
Wir müssen gegenüber dem heute vielfach anzutreffenden Drang
nach innerweltlichen Erlösungslehren herausstellen, dass uns
letzte Erkenntnisse nicht gegeben sind, dass wir aber stark genug sein
müssen und können, um die nicht aufzulösenden
Widersprüche des Lebens in uns zum Auslösen zu bringen. Das
ist es ja, was wir "Reife" nennen. Wir müssen in den Abgrund
unseres Nichtwissens sehen, ohne zu zittern und ohne uns vorzumachen,
dass dort kein Abgrund ist.
In dieser Begegnung mit der Wahrheit liegt zugleich der Ansatz eines
Neubeginnes, nämlich einer Hoffnung und eines Glaubens, die uns
über den Abgrund hinweg in weitere Dimensionen führen
können,die uns zu Ausauer und Zähigkeit in demütigen
Bemühen verhelfen: "Wahrlich, keiner ist weise, der nicht das
Dunkel kennt" (Hermann Hesse).
Werte
und Tugenden auch heute zu vertreten
Diese Werte und Tugenden können wir auch heute guten Gewissens
vertreten, weil wir sicher sind, dass sie überzeitliche
Gültigkeit besitzen und sie Richtlinien für die Zukunft
geben. Denn die Bedürfnisse, Ängste und Sehnsüchte der
Menschen haben sich trotz allen Geredes vom neuen Menschen und vom
Menschenin unserer Zeit nur unwesentlich geändert; in seinen
vitalen Antrieben und in seinen seelischen Nöten unterscheiet er
sich nicht sehr von seinen Vorgängern.
Kommen wir jetzt zurück auf die Schule, "unsere" Schule?
Gewiss wird die Schule in Zukunft ihren Charakter ändern. Das
schon deshalb, weil die berufliche Situation der Abiturienten anders
ist, weil das Abitur seine Eigenschaft als automatische
Hochschulzulassung verliert. Hinzu tritt eine Verschiebung in der
Wertschätzung der akademischen Ausbildung, eine eher skeptische
Beurteilung der zunehmenden Zahl der Akademiker, aber auch ein Wandel
in der Universitätsausbildung, in der die Einheit von Forschung
und Lehre sich jedenfalls für viele nicht mehr
aufrechterhalten lässt.
Ob die Schule weiterhin Träger der von mir skizzierten Werte und
Tugenden sein wird, ist jedoch nicht so sehr von dieser Entwicklung
abhängig, es ist das nicht eine Frage der Institution, sondern
letzlich eine Frage der in ihr tätigen Menschen. Dazu ist
erforderlich, dass sie Lehrer findet, die sich an den in unserer
Verfassung verankerten Werten orientieren; sie werden die Schule und
sich selbst bewusst als Träger eines Erziehungsauftrages verstehen
müssen, den sie treuhänderisch für die Allgemeinheit
vertreten.
Dazu bedarf es solcher Lehrer, die kraft Ausbildung und
Persönlichkeit Autorität sein können, die den Mut und
die Kraft haben, diese Autorität darzustellen, die bereit sind,
auch das zu lehren, was ihre Schüler noch nicht als wesentlich
erkennen.
Wichtig ist ferner, dass die Lehrer den unterschiedlichen sozialen und
erzieherischen Hintergrund ihrer Schüler ernst nehmen, dass sie
nicht alles über den pädagogischen und philologischen Leisten
schlagen, der ja bei uns als Allgemeinbildung gilt. Das
könnte gerade den kraftvollen, knorrigen Schüler
behindern.
Dass hier ein ständiges Auspendeln von Autorität und
Nachgeben, von Selbstbehauptung und Selbstkritik erforderlich
ist, bedarf keiner weiteren Darstellung; denn Autorität darf nicht
zum Autoritätsglauben werden, nicht zur Bevormundung und
Repression führen. Dazu ist erforderlich, dass der Lehrer es
vermeidet, "one of the boys" sein zu wollen, dass er
Selbstständigkeit und Mut besitzt, um dem Anspruch der
Schüler nach Abstand und Autorität gerecht zu werden, ohne in
Hochmütigkeit und Interessenlosigkeit zu verfallen. Nur so kann er
den Schülern auf dem Wege zur Persönlichkeitsbildung Hilfe
sein. Sie sollen ja nicht wendige, anpassungsfähige "clevere boys"
werden, sondern selbstständig denkende Persönlichkeiten, bei
denen sich Einfallsreichtum mit Disziplin und schöpferscher Kraft
mit zuverlässiger Beständigkeit verbinden.
Gewiss ist es richtig, dass die Verantwortlichkeit für das Lernen
und Heranbilden weithin bei bei jedem einzelnen Menschen selber liegt,
dass es auf das eigene Interesse, den Antrieb und die Begeisterung
ankommt. Aber ein Lehrer, der anregt und fordert, der das Staunen lehrt
und der Vorbild sein kann, ist eine große Hilfe; er kann manchen
Anstoß geben, Steine aus dem Weg räumen und das für den
jungen Menschen so wichtige, aber auch so leicht verletzliche
Selbstvertrauen stärken. Bei alledem dürfen wir unser
heutiges Wissen nicht überbetonen, den Schüler darauf nicht
festnageln.
Erziehung und Bildung sind auf die Zukunft gerichtet, auf die Aufgaben
einer Welt von morgen, die wir allenfalls schemenhaft kennen. Es muss
die Vorbereitung zur Bewältigung noch weithin unbekannter Aufgaben
sein. Das verlangt Toleranz gegenüber der Zukunft.
Quelle:
Grafschafter Nachrichten, 18. April 1975
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