In den Grafschafter Nachrichten am
14.9.2010 erschien der folgende Artikel:
„Für pädagogische Arbeit kaum Zeit“
Schulleiter schlagen erneut Alarm
Es rumort heftig in der hiesigen Schullandschaft. Den GN
liegt der Entwurf eines Protestbriefes von Schulleitern aus der
Grafschaft an Kultusminister Dr. Bernd Althusmann vor. Darin wird unter
anderem kritisiert, „dass sich die Schulleiter einer ständigen
Überlastungssituation ausgesetzt sehen“. Dieser Brief soll dem
Minister am kommenden Montag während einer
Diskussionsveranstaltung in der Gaststätte Rammelkamp
überreicht werden.
Von Marianne Begemann - Nordhorn. Der Unmut und Ärger angesichts
der zusätzlichen Aufgaben ohne ausreichende Entlastungen ist nicht
neu. Bereits vor vier Jahren hatten nahezu 100 Prozent der Nordhorner
und zwei Drittel der Schulleiter aus der Ober- und der Niedergrafschaft
eindringlich gegen eine Überfrachtung der Schulen protestiert.
Damals sprach der schulpolitische Sprecher der CDU im
Niedersächsischem Landtag, Karl-Heinz Klare, von einem
„Alarmsignal“ (die GN berichteten).
Geändert an dem Zustand hat sich offensichtlich nichts. Im
Gegenteil. So heißt es in dem Brief: „Ging es damals um die
erhöhte Belastung durch die Einführung der
eigenverantwortlichen Schule, kommt heute für viele Schulleitungen
die zusätzliche Belastung und Verantwortung eines ganztägigen
Angebots ohne zeitlichen Ausgleich und personelle Unterstützung
hinzu.“
Zu den zusätzlichen Aufgaben zählen unter anderem die
zunehmende Verantwortung für die Einstellung von Personal und die
Bewirtschaftung von Budgets oder auch die Übernahme von juristisch
relevanten Aufgaben, für die die Schulleiter persönlich
verantwortlich gemacht werden können ohne dafür ausgebildet
zu sein. „Besonders dieser Aufgabenbereich verunsichert und belastet
uns schwer. Viele Betriebe haben hierfür Personal mit
entsprechender Ausbildung“, heißt es in dem Brief. Und: „Der
Verwaltungsaufwand nimmt so viel Zeit in Anspruch, dass für die
pädagogische Arbeit, unser Kerngeschäft, und die
Qualitätsentwicklung der Schulen fast nichts mehr bleibt.“
Aber noch eine andere Sorge treibt die Schulleiter um – nämlich
„dass sich mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen von der Funktion der
Schulleitung entpflichten lassen“. So geschehen zum Beispiel im Sommer
an der Grundschule Südblanke in Nordhorn. Nach Informationen der
GN hat bereits eine weitere Schulleiterin aus Nordhorn einen
entsprechenden Antrag gestellt und auch ein dritter Rektor erwägt,
ins zweite Glied zurückzutreten.
Ganz abgesehen von gesundheitlichen Problemen. Auch darauf wird in dem
Brief hingewiesen: „Es betrifft uns zutiefst, dass Schulleiterinnen und
Schulleiter, die über Jahre intensiv ihre Aufgabe wahrgenommen
haben, nach reiflicher Überlegung und aus Sorge um die eigene
Gesundheit ihre Funktion schweren Herzens abgeben.“
Dazu gehört zum Beispiel Uta Hillner, Leiterin der
EMA-Grundschule, die Ende September vorzeitig aus dem Schuldienst
ausscheiden wird. Das bestätigte sie gegenüber den GN und
berichtete in diesem Zusammenhang „von einer 70-Stundenwoche, um den
Schreibtisch leer zu bekommen, und dazu zwei Klassenleitungen“. Ihr
Weggang hat unter der Elternschaft nach Informationen der GN zu
erheblicher Unruhe geführt. Besorgte Eltern haben sich auch von
anderen Schulen gemeldet.
Dass Schulleiter sich entpflichten lassen oder vorzeitig aus
gesundheitlichen Gründen aus dem Schuldienst scheiden, ist kein
spezifisches Nordhorner Problem. Das bestätigte Maité
Sychla vom Grafschafter Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft (GEW). „Das ist im Bezirk Weser-Ems ein steigender Trend
vor allem im Grundschulbereich“, sagte sie auf GN-Nachfrage.
Hinzu kommt ein weiteres Problem, auf das in dem Protestbrief
hingewiesen wird: „Es wundert uns nicht, dass zunehmend
Schulleitungsstellen unbesetzt bleiben und mehrfach ausgeschrieben
werden müssen.“ An der Grundschule Südblanke zum Beispiel
läuft zum zweiten Mal das Ausschreibungsverfahren.
Die Initiative zum Verfassen des Briefs ist aus der Runde der
Nordhorner Primarstufenleitung gekommen. Das bestätigte auf
GN-Nachfrage deren Sprecher Matthias Schäfermeyer. Er berichtete
zudem, dass der Entwurf derzeit die Runde mache unter allen
Grafschafter Schulleitungen, und dass auch aus den Schulen
außerhalbs Nordhorns viel positive Resonanz auf die Initiative
komme.
Vom Kultusminister wird in dem Brief eine zeitnahe, nachhaltige und
deutliche Entlastung der Schulleiterinnen und Schulleiter gefordert,
unter anderem eine personelle Entlastung im Verwaltungsbereich durch
Fachpersonal vor Ort, einen hohen Anteil von Lehrerstunden im
Ganztagsbereich, eine solide finanzielle Ausstattung sowie Entlastung
in der Unterrichtsverpflichtung.
Eine angefragte Stellungnahme des Landesschulbehörde zur Vakanz
von Schulleiterstellen in Nordhorn war gestern bis Redaktionsschluss
nicht zu erhalten.
Der Kultusminister ist am 20. September um 19 Uhr in der
Gaststätte Rammelkamp Gast einer Veranstaltung der Grafschafter
CDU zum Thema „Herausforderungen an die Bildungspolitik im Zukunftsland
Niedersachsen“.
|
In den GN vom
21.9.2010 heißt es:
Den Auftritt von Kultusminister Bernd Althusmann am
Montagabend bei einer CDU-Veranstaltung im Saal Rammelkamp in Nordhorn
nutzte eine Reihe von Vertretern des Grafschafter Kreisverbandes der
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu einem Appell gegen
Kürzungen im Bildungsbereich. „Kein Wortbruch – Erhalt aller
Lehrerstellen“, „Wir zahlen nicht für eure Krise“ und
„Lehrkräfte endlich entlasten – kleinere Klassen jetzt“ stand
unter anderem auf den Transparenten, mit denen die gewerkschaftlich
organisierten Lehrer dem Gast aus Hannover ihre Meinung kund taten.
„Warum lassen Sie uns hängen“, wurde auf vielen
T-Shirts gefragt, die eine Reihe von Wünschen der Lehrer
thematisierten. Die Wäschestücke hatten die Protestler an
eine lange Leine gehängt, die dem Minister den Weg zum Eingang des
Saales Rammelkamp wies. Dabei hatte Althusmann zuvor die Geduld der
Wartenden auf die Probe gestellt. Im Regen mussten die GEW’ler
ausharren, bis der Minister mit mehr als einer halben Stunde
Verspätung eintraf. „Jetzt lässt er uns auch noch im Regen
stehen“, wurde prompt gefrotzelt.
In den GN vom
22.9.2010 heißt es hierzu u.a. :
„Im Kern muss es um Schulqualität gehen“, betonte der Minister.
Die entscheidende Frage sei doch die nach der Qualität von
Unterricht, nach Fortbildung und Motivation der Lehrkräfte. An
diesem Punkt kam Bernd Althusmann nicht umhin, auch auf kritische
Punkte einzugehen, die im übrigen nicht nur aus der Grafschaft
Bentheim kommen.
So räumte Bernd Althusmann ein, dass es eine vielfache Belastung
von Schulen durch schulfremde Aufgaben gibt. Er stellte unter anderem
Entlastungen bei der Organisation der vielen Vergleichstests und bei
juristischen Verwaltungsaufgaben in Aussicht. „Lehrer sind keine
Juristen und auch keine Verwaltungsangestellten“, betonte der Minister
und bekam an dieser Stelle viel Beifall. Ebenso wie für die
Feststellung: „Entscheidend ist, dass unsere Lehrkräfte wieder
mehr Zeit für die Zuwendung an die Kinder haben.“
Vielleicht mag es ja an solchen Zugeständnissen gelegen haben,
dass in der offenen Diskussionsrunde zunächst kaum kritische
Wortmeldungen von seiten der zahlreich anwesenden Lehrer und
Schulleiter kamen. Vielleicht auch daran, dass die Schulleiter noch
immer auf das versprochene Gespräch mit dem Kultusminister
hofften. Erst ganz zum Schluss platze einem Grundschullehrer der Kragen
angesichts der „wunderlichen Ruhe, die hier herrscht“. „Es brodelt an
den Schulen in Nordhorn“, sagte Heiner Hombrink und wies darauf hin,
dass mehrere Schulen ohne Leitung sind.
Dieses Stichwort griff dann Matthias Schäfermeyer, Sprecher der
Nordhorner Primarstufenrunde, auf. Begleitet von viel Beifall
schilderte er die Sorgen und Nöte der Schulleiter. „Die Botschaft
ist angekommen. Wir werden überlegen, wie Abhilfe zu schaffen
ist“, beendete Reinhold Hilbers die Versammlung. Ein Gespräch mit
dem Minister kam nicht mehr zustande. Er versprach aber eine Antwort.
Auf eine solche warten die 58 Schulleiter, die ihm im Juni bereits
geschrieben haben, bis heute.
Zu kurz kamen an diesem Abend auch die sieben geladenen
Podiumsteilnehmer. Für sie reichte die Zeit nur für jeweils
ein knappes Statement.
Der Schlausschuss der
Stadt Nordhorn lässt mögliche Hilfen für die Rektoren
prüfen. So heißt es im Bericht der GN vo. 6.10.2020:
In Nordhorn wird derzeit geprüft, ob und wie die
Stadt die Schulleitungen entlasten kann. Mit dieser Frage
beschäftigte sich auch der Schulausschuss am Montag. Dabei
brachten die Politiker ihr Unbehagen zum Ausdruck, für Aufgaben
einzuspringen, die eigentlich in der Verantwortung des Landes liegen.
Im Vordergrund jedoch stand der gemeinsame Wille, die Schulleiter in
ihrer aktuell angespannten Situation zu unterstützen.
Von Marianne Begemann - Nordhorn. Bekanntlich haben die Nordhorner
Grundschulleiter erst kürzlich ein Protestschreiben an
Kultusminister Dr. Bernd Althusmann übergeben. Und bereits im Juni
dieses Jahres hatten 58 Grafschafter Leiter von Grund-, Haupt- und
Realschulen einen Brandbrief ins Kultusministerium nach Hannover
geschickt . Darin kritisieren sie die überhand nehmenden
Belastungen der Schulen durch die Einführung von offenen
Ganztagsangeboten (siehe auch Infokasten rechts).
Nahezu alle allgemein bildenden Schulen im Landkreis Grafschaft
Bentheim haben sich – nicht zuletzt auf Drängen der Elternschaften
– dafür entschieden, ein Ganztagsbetreuung für ihre
Schülerinnen und Schüler vorzuhalten. Und das, obwohl das
Land nur solche Anträge genehmigt, in denen auf die eigentlich
dafür notwendigen zusätzlichen Lehrerstunden verzichtet wird.
Leidvolle Erfahrungen hat in dieser Beziehung unter anderem die
Grundschule Stadtflur in Nordhorn gemacht. Dort hatte man vor drei
Jahren einen Antrag gestellt, verbunden allerdings mit der Forderung
nach mehr Unterstützung. Die erwartete Absage kam prompt. Jetzt
hat die Schule einen neuen Antrag ausgearbeitet unter Verzicht auf die
notwendigen Lehrerstunden. Dafür zollten die Mitglieder des
Nordhorner Schulausschusses dem Kollegium am Montag Anerkennung und sie
dankten für die Bereitschaft, die zu erwartende „große
Mehrbelastung“ auf sich zu nehmen.
Künftig werden damit in Nordhorn elf der 13 Grundschulen in
städtischer Trägerschaft eine Ganztagsbetreuung anbieten.
Ebenfalls einen entsprechenden Antrag mit dem damit verbundenen
aufwändigen Betreuungskonzept hat am Montag die
Astrid-Lindgren-Schule (Förderschule Sprache) vorgestellt.
Dass möglichst alle Nordhorner Schulen Ganztagsangebote vorhalten,
ist erklärtes Ziel von Politik und Verwaltung in der Kreisstadt –
zum einen um den zunehmenden Elternwünschen zu entsprechen, zum
anderen aber auch, weil von den Förder- und Forderangeboten im
Rahmen der Ganztagsbetreuung Kinder aus allen sozialen
Verhältnissen profitieren.
„Die zusätzlichen Belastungen der Schulleitungen durch die
Entscheidungen auf Landesebene stehen dabei außer Frage“, betonte
Michael Rilke (CDU), Vorsitzender des Schulausschusses. Gleichzeitig
meinte er: „Hinzu kommt aber, dass wir die Schulen gedrängt haben,
sich auf den Weg zur Ganztagsschule zu machen. Deswegen müssen wir
uns auf die Seite der Schulen stellen und sie unterstützen.“
Das sah die Mehrheit der Ausschussmitglieder auch so und beauftragte
die Verwaltung zu prüfen, ob und wie die Stadt die Schulleiter vor
allem bei organisatorischen Aufgaben entlasten kann. Im Gespräch
waren hier zum Beispiel eine mögliche Aufstockung der Stunden im
Schulsekretariat oder – wie von der SPD ins Gespräch gebracht –
die Einrichtung einer zentrale Koordinierungsstelle.
In der vorangegangenen Diskussion verhehlten die Ausschussmitglieder
jedoch nicht ihr Unbehagen angesichts der „Gratwanderung“, die sie mit
diesem Prüfauftrag beschreiten. „Ich hoffe auf einen positiven
Beschluss, aber wir sollten uns klar darüber sein, dass das Geld
kostet“, betonte Klaus Lübke (Pro Grafschaft). „Wir wollen nicht
die Mängel des Landes auffangen“, meinte Theo Kramer (SPD). „Das
Land hat Musik bestellt, die sie nicht bezahlt“, kritisierte Matthias
Meyer-Langenhoff (Grüne). Auch Herbert Ranter (DKP) wies die
Verantwortung für Defizite dem Land zu. Dem stimmte
Elternvertreter Reinhard ten Brink zwar zu, betonte aber gleichzeitig:
„Es geht uns doch um die Kinder. Wir haben in Nordhorn die richtigen
Weichen gestellt. Deswegen sollten wir die Schulen auch
unterstützen.“
Im Gespräch
mit einer Nordhorner Delegation kündigt der Kulusminister eine
eigene Arbeitszeitverordnung für Schuleiter an. Hierzu heißt
es in den GN am 9.10.2010:
mb Nordhorn. Bei einem einstündigen Gespräch
mit Niedersachsens Kultusminister Dr. Bernd Althusmann konnte am
Donnerstag in Hannover eine Delegation der Nordhorner
Primarstufenleiter das nachholen, was bekanntlich bei seinem Besuch
kürzlich in Nordhorn nicht zustande gekommen war – nämlich
ausführlich die angespannte Situation an den Grundschulen und die
starke Belastung der Schulleiter darlegen. In diesem Gespräch hat
der Kultusminister eine eigene Arbeitszeitverordnung für
Schulleiter ab dem nächsten Schuljahr angekündigt. Das
berichtete Josef Lakeberg, Rektor der Anne-Frank-Schule und Mitglied
der Delegation, gestern in einem Gespräch mit den GN. „Konkrete
Angaben hat der Minister zwar nicht gemacht, aber er hat in diesem
Zusammenhang versprochen, dass die kleinen Schulen stärker
entlastet werden sollen“, sagte Lakeberg.
Und noch eine weitere Zusage hatten die vier Schulleiter bei ihrer
Rückkehr im Gepäck: So soll die Landesschulbehörde
wieder die Aufgabe übernehmen, Verträge mit den
pädagogischen Mitarbeitern abzuschließen. Außerdem
soll eine Ausweitung dieser Verträge im Ganztagsbereich
geprüft werden.
Eine weitere Entlastung soll es laut Lakeberg im Bereich der
Vergleichsarbeiten im 3. und 4. Schuljahr geben. So sollen Druck und
Versand von Prüfungsunterlagen wieder vom Kultusministerium
übernommen werden. Auch soll die Verbindlichkeit bei den
Vergleichsarbeiten weiter gelockert werden.
Weiteres Thema im Gespräch mit dem Kultusminister waren die
Probleme bei der Besetzung von frei gewordenen Schulleiter-Stellen. So
sind im Schulverwaltungsblatt derzeit 42 Stellen ausgeschrieben, die
beim ersten Mal nicht besetzt werden konnten. Allein in Nordhorn sind
drei, ab Anfang nächsten Jahres voraussichtlich vier
Rektorenstellen an Grundschulen vakant. Als Grund für fehlende
Bewerbungen habe der Minister hier die Teilzeitbeschäftigung
vieler Pädagogen im Primarbereich und als eine mögliche
Lösung die Bildung von Schulverbünden angeführt.
„Wir sind mit einer gewissen Erleichterung aus Hannover
zurückgekommen,“ zog Josef Lakeberg gestern eine erste Bilanz vor
allem mit Blick auf die angekündigte Arbeitszeitverordnung
für Schulleiter. Allerdings bleibe hier ein Unsicherheitsfaktor,
weil der Minister noch keine konkreten Zahlen mitgeteilt habe.
|