Die Holzbankklasse
von Wolfgang Mielke
Quelle: GN, 7.5.2011

"Auf Erinnerungstour zu alter „Wirkungsstätte“ und damit in die eigene Jugend gingen kürzlich Abiturienten von 1951 des Nordhorner Stadtring-Gymnasiums. Wolfgang Mielke, einer jener „Pennäler“ aus der damaligen Klasse 12b, erzählt, was sie dabei erlebten.


Zum "Gruppenbild mit Damen" traf sich die Abiturklase - wie vom Voauskommando erkundet - vor den Rundbögen des Gymnasiums am Stadtring.
(Foto: Westdörp /GN)

Ein „Vorauskommando“ der Oberschul-Klasse 12b von 1951 hatte vor einiger Zeit in sehr überraschte Augen geblickt, nachdem sich der kleine Trupp Weißhaariger und Kahlköpfiger mit energischem Klopfen Zutritt verschafft hatte in seinen jetzt vor Überfällen gesicherten früheren Klassenraum im Altbau des Gymnasiums am Stadtring. Die Besucher erklärten, sie wollten den Raum nur mal auf seine Brauchbarkeit für ein Klassenfoto prüfen. Das Ergebnis war negativ. Keine Bänke mehr, sondern Sitzgruppen. „Das geht nicht“, erklärte der Chef des Kommandos, Nordhorns früherer Oberkreisdirektor Dr. Günther Terwey, einst Klassensprecher der 12b. Die Außenansicht des früheren Eingangsbereichs der Schule war eine authentischere Alternative für das geplante „Gruppenbild mit Damen“.

Die 12b von 1951 war schulische Heimstatt von etwa 30 Fahrschülern aus der Obergrafschaft und der Niedergrafschaft, und ihr Fahrschülerdasein war Kitt für die Klassengemeinschaft, die bis heute zusammenhält. Im Gegensatz zu den Schülern aus Nordhorn zwang die Bentheimer Eisenbahn die Fahrschüler zu täglicher Gemeinsamkeit über die Schule hinaus. Sie trugen es denn auch mit Würde, als sie in einem Glückwunschtelegramm zum Abi aus Fahrschülern zu Pfarrschülern wurden.

Die „Fahrschülerei“ fand auf den Holzbänken in der 3. Wagenklasse statt, die „Fahrlehrerei“ einiger ebenfalls täglich mit der Bahn anreisender Lehrkräfte auf den Polstersitzen der 2. Klasse. „Zweitklassig“ wurden Schulhefte korrigiert, „drittklassig“ wurde Skat gespielt – abgesehen von gelegentlichem Umgang etwa mit lateinischen Vokabeln.

Hier dürfte auch das lateinische Verb „accumbere“ (zu Tische liegen) dem Lateinlehrer Dr. Barlage zugeordnet worden sein, der als „Accumbo“ in das Gedächtnis der Schüler einging – wegen seiner speziellen Körperhaltung bei der Schulspeisung im Kellergeschoss der Schule, einem frühen Vorläufer der heutigen Mensa. Um 1950 war allerdings das Angebot geringer. Unter Hausmeister Butzkes Regie gab es meistens Milchsuppe, und zwar kostenlos.

Die Schülerzahlen der Klassen schwankten in den Nachkriegsjahren. Aus den früheren deutschen Ostgebieten mussten „Flüchtlinge“ eingegliedert werden, die später „Vertriebene“ hießen. Mancher Ausgebombte aus den westdeutschen Großstädten konnte wieder heim, weil seine Familie mittlerweile zu Hause eine Bleibe gefunden hatte. Der Mädchenanteil in den Klassen lag bei rund einem Viertel. Sie beschwerten sich nie darüber, dass sie eine „Oberschule für Jungen“ besuchen mussten. Heutzutage finden sie es – im Rückblick nach 60 Jahren – sogar ganz amüsant.

Unter den Vertriebenen aus dem deutschen Osten waren die Schlesier in der Mehrheit – bei den Lehrern ebenso wie bei den Schülern. Direktor Herbert Leonhardt war Schlesier, Oberstudienrätin Elfriede Gierich kam aus Oberschlesien und führte die Klasse mit Ausnahme des letzten Jahres, das sie sich nicht mehr zumuten wollte. Musiklehrer Rudolf Gärtner kam aus Breslau und sammelte privat schlesisches Liedgut.

Neben den schlesischen Schülern fanden sich einige „Umsiedler“ aus der russischen Zone ein und versprengte Einzelexemplare aus dem Baltikum, aus Hinterpommern und aus Posen. Etliche Schülerinnen und Schüler waren Halbwaisen – die Väter waren im Krieg gefallen. Einer der Väter kehrte erst nach dem Abitur des Sohnes aus russischer Gefangenschaft zurück.

Ein großer Teil Abiturient(inn)en der 12b von 1951 wandte sich nach dem Abi pädagogischen Aufgaben zu, vorwiegend im Lehramt. Etliche fanden im Verwaltungsdienst und in der Industrie leitende Aufgaben. Einige Schüler folgten familiären Vorgaben (Landwirt, Kaufmann). „Einzelkämpfer“ gingen speziellen Neigungen nach (Pastor, Bibliothekarin, Apotheker, Journalist).

Oberstudiendirektorin Monika Woltmann nahm sich der Abiturienten von 1951 bei einer Führung durch dem Schulkomplex mit viel Entgegenkommen und offenbar auch einer gewissen Freude an. Am besten gefiel den Ex-Schülern die geschmackvoll und aufwändig restaurierte Aula. Erinnerungen kamen hier auf an die Zeit des Notbehelfs gleich nach dem Krieg, als hier Theater gespielt wurde. Das taten nicht nur Profis, sondern auch Schüler. Günter Terwey erinnerte an einen Pennäler in der Rolle des Wilhelm Tell, der mit dem Satz „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ aus der Kulisse sprang und prompt der Länge nach auf den Bühnenbrettern landete.

Direktorin Woltmanns Kommentar dazu klang deprimiert: „Die Schüler werden immer empfindlicher, die fallen immer schneller um.“ Vorsichtshalber schränkte sie das zunehmende Umfalltempo allerdings auf den Umgang der Schüler mit Rinder- oder Schweineaugen im Biologieunterricht ein.

Im Programm des dreitägigen Klassentreffens hatten die 1951er Abiturienten neben der Schule eine Fahrt mit dem Vechtestromer, Spaziergänge in der Innenstadt, ein Pfannkuchenessen bei „Bolle Jan“ gleich hinter der Grenze, eine Fahrt zum Kompetenzzentrum der Wirtschaft mit der Besichtigung der Ausstellung und einen Besuch im Mehrgenerationenhaus an der Schulstraße in Nordhorn.

Ihr Hauptquartier freilich hatten sie – wie schon bei früheren Treffen – im Hotel am Stadtring. Küche und Keller boten beste Verpflegung mit einer gewissen Rücksichtnahme auf die altersbedingten Bedürfnisse der Gäste. Die fühlten sich wohl in dieser Atmosphäre und fanden ganz andere Gesprächsthemen als den Umgang mit Requisiten des Alters wie Rollatoren und Krücken. Deren Zahl war im übrigen überschaubar. Die Mehrheit des Abiturjahrgangs 1951 ist erstaunlich flott zu Fuß. Selbst Alterserscheinungen wie Gedächtnisschwäche drücken nicht jeden oder lassen sich mit Humor ertragen.

Die Zahl der „Abgänge“ ist erstaunlich gering. Als erster starb vor einigen Jahren ausgerechnet der einzige Arzt, den die 12b von 1951 hervorgebracht hat – abgesehen von einem tödlich verunglückten Mitschüler. Guter Gesundheit erfreut sich offenbar der einzig übrig gebliebene Nikotinsklave der 12b von 1951. Das Hotel wies ihm ein Raucherzimmerchen mit sechs Plätzen und dem Messingschild „Hemmingway“ (mit doppeltem „m“!) neben der Tür zu.".