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Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schüler!
Vor 60
Jahren, am 30. April 1930, wurde das jetzige Schulgebäude der
Frensdorfer Schule seiner Bestimmung übergeben. Für die
Schule ist dies der Anlass, ein besonderes Jubiläum zu
feiern. Gleichzeitig
ist es 525 Jahre her, dass das Schulwesen in der Stadt Nordhorn
erstmalig erwähnt wurde. Am 6. März 1465 erhielt der Rat
der Stadt Nordhorn von Graf Everwin zu Bentheim das Recht
zugesprochen, die Lehrerstellen der Nordhorner Schule zu besetzen und
darauf zu achten, dass die Lehrer ihre Aufgaben erfüllen.
Für
mich ist der Tag Anlass, einen Blick zurückzuwerfen in die
Schulgeschichte von Nordhorn, wobei auch Hinweise auf die Geschichte
dieses Ortes von Belang sind.
Das
heutige Gebiet von Nordhorn ist seit frühen Zeiten
bäuerliches
Siedlungsland gewesen. Links der Vechte lag die Bauernschaft
Frensdorf, rechts der Vechte lagen Bakelde, Bimolten, Bookholt und
Hesepe. In der Frankenzeit, im 9. Jahrhundert, entwickelte sich auf
dem Gemeindegebiet von Bakelde an der Vechte eine Ansiedlung, die den
Namen Northornon trug. An diese Stelle überquerte der Handelsweg
von Hamburg und Bremen nach Holland und Flandern die Vechte. Auf dem
Gildkamp entstand für die Bauerschaft Frensdorf, Bakelde,
Bookholt, Bimolten und Hesepe, zunächst auch noch für
Brandlecht und Wietmarschen, eine Kirche. Hier wurden die Toten
bestattet. Durch die Ansiedlung von Handwerkern, Krämern und
Fahrensleuten entstand ein reges wirtschaftliches Leben. Im Jahre
890, vor 1.100 Jahren, wurde das Dorf Nordhorn erstmals urkundlich
erwähnt. Weitere urkundliche Erwähnungen von Nordhorn als
Kirchspielort erfolgten 1050, 1184, 1249 und 1255.
Im 14.
Jahrhundert bauten die Grafen von Bentheim ihre Wirtschaftsbeziehungen
nach Holland weiter aus. Für den Transport von Sandsteinen aus
der Obergrafschaft und von Wirtschaftsgütern aus Westfalen
benötigten sie die Vechte als Schiffsweg. Diese war jedoch nur
ab Nordhorn schiffbar. Auf der Insel in der Vechte wurde ein
Lagerplatz für Sandsteine angelegt. Zum Schutz wurde an der
Stelle, an der heute die Augustinuskirche steht, eine gräfliche
Burg errichtet. Nachdem Schüttorf 1295 und Neuenhaus 1365 die
Stadtrechte verliehen wurden, erhielt die Ansiedlung auf der
Vechteinsel 1379 die gleichen Rechte wie die
Stadt Schüttorf zugesprochen. 1979 feierte Nordhorn deshalb das
600jährige Stadtjubiläum. In dem Maße, wie die Stadt
Nordhorn auf der Vechteinsel an Ansehen gewann und zur
wirtschaftlichen Blüte aufstieg, verlor das alte Dorf Nordhorn
am Gildkamp an Bedeutung. Es wurde schließlich zum „alten
Dorf“, zu Altendorf. Wahrscheinlich wird seit der Stadtgründung
in Nordhorn Schule gehalten. Aber erst seit 1465 stand dem Rat
Nordhorn das Recht der Stellenbesetzung und der Schulaufsicht zu.
Im
Gegensatz zu den Lateinschulen bestand das wesentliche Kennzeichen
dieser frühen „Volksschulen“ darin, dass die
Vermittlung von Lerninhalten in deutscher Sprache vorgenommen wurde.
In erster Linie wurden in diesen Schulen den Kaufleuten die
Mindestvoraussetzungen zur Ausübung ihres angehenden Berufes
beigebracht, nämlich deutsche Briefe lesen und schreiben zu
können. Der Rechenunterricht war anfangs die Aufgabe besonderer
Lehrmeister, im Laufe der Jahre aber wurde dieses Fach in die
„Schreib- und Leseschule“ mit aufgenommen. Für die gesamte
Schulentwicklung spielte die Reformation eine bedeutsame Rolle, denn
die Forderung einer allgemeinen religiösen Volkserziehung war
ein Kernpunkt in ihrem Programm. Der Religionsunterricht wurde zu
einem Hauptbestandteil des Unterrichts.
In der
Grafschaft Bentheim entstanden nach der Reformation Kirchspielschulen
in Uelsen, Emlichheim, Veldhausen, Wilsum, Gildehaus, Brandlecht und
Ohne. Die Schulen in den Städten Bentheim, Schüttorf,
Neuenhaus und Nordhorn wurden unter dem Einfluss der Reformation
verpflichtet, auch für die religiöse Unterweisung zu
sorgen. Hierdurch bedingt nahm der Einfluß der Kirche auf die
Schule zu. Bis 1700 besetzte der Rat der Stadt Nordhorn die
Lehrerstellen allein. Danach besorgten der Rat der Stadt und die
Kirchenbehörde es gemeinsam, was häufig zu Streitigkeiten
führte, wie in alten Schriften und Protokollen nachgelesen
werden kann.
Die
Schuljugend aus den Bauernschaften war damals verpflichtet, auch die
Schule in Nordhorn zu besuchen. Das Schulehalten zählte
nämlich
in der damaligen Zeit wie die Herstellung von Backwaren, Schuhen und
Geräten zu den bürgerlichen Gewerben und war deshalb den
Bauern verboten. Nordhorn hatte aber auch großes Interesse
daran, daß die Landjugend aus den umliegenden Dörfern in
Nordhorn zur Schule ging, da die Schüler als Boten den
Kaufleuten und Handwerkern manchen Auftrag brachten. Nordhorn und die
anderen Kirchspielorte sträubten sich deshalb energisch gegen
eine schulische Strukturänderung dieser für sie
günstigen
Verhältnisse.
Aber
der Wunsch der abgelegenen Dörfer, für ihre Kinder eine
sogenannte Bauernschafts- oder Nebenschule zu errichten, wurde immer
stärker, zumal die Gehöfte z.B. in Bimolten oder
Hohenkörben bis zu 10 Kilometer und mehr von der Nordhorner
Schulzentrale entfernt lagen, die Schulwege sich in einem schlechten
Zustand befanden und zu Fuß zurückgelegt werden
mussten.
Der Rat der Stadt versuchte immer wieder, den Kirchenrat als
Schulaufsichtsbehörde von einer Genehmigung der Bauernschaftsschulen, welche nahe bei der Stadt eingerichtet werden
sollten, abzuhalten. So gelang es ihm noch 1745, in Frensdorf das
Schulehalten zu verbieten, wie aus einem Protokoll hervorgeht.
Leider
wird es kaum möglich sein, die Schulgeschichte dieser Bauernschaftsschulen bis etwa 1858 aufzuhellen, denn Protokolle der
Gemeinderäte dieser Bauernschaften liegen nicht vor. Erst nach
1872 wurden die Schulen generell verpflichtet, regelmäßig
eine Schulchronik über die Entwicklung und Gestaltung der
Schulen zu führen. Über die „Leistungsfähigkeit“
der Bauernschaftsschulen kann man sich anhand des folgenden Zitates
aus einer dieser Schulchroniken einen guten Eindruck verschaffen:
„Das
Volksschulwesen in der Grafschaft Bentheim ließ in der
frühen
Zeit viel zu wünschen übrig. Es wurde nur in den
Wintermonaten unterrichtet und in den Sommermonaten war gar keine
Schule. Wenn die Zeit herannahte, d.h. der Herbst oder der Winter
sich einstellte, wurde es in der Gemeindeversammlung zur Sprache
gebracht, dass wieder ein Lehrer zu wählen sei. Die
Kenntnisse bei einem Lehrer waren genügend, wenn er ziemlich gut
schreiben, in der Bibel lesen und etwas rechnen konnte. In der Regel
waren alte Schäfer zu haben, welche mit diesen Unterrichtsgaben
begabt waren. Der betreffende Bauer, bei dem der Schäfer diente,
wurde beauftragt, ihm die Lehrerstelle für die Winterzeit
anzutragen. Das Gehalt betrug durchschnittlich 25 bis 30 Gulden im
Winter und Reihetisch.“
Aber
auch die Verhältnisse in der Stadtschule waren nicht
zufriedenstellend. Der Unterricht in Nordhorn wurde lange Zeit in
zwei Räumen des Rathauses gehalten, das 1752 in der
Hauptstraße
erbaut wurde. In den Schulräumen herrschte drangvolle Enge. So
schrieb der Lehrer Zwieters im Jahre 1838: „Im vorigen Winter
geschah es oft, dass wegen der Menge der Kinder einige
Schüler
in Ohnmacht fielen und beide Lehrer mit schrecklichen Kopfschmerzen
aus der Schule kamen.“ Der Volksmund spöttelte in jener Zeit
über die Nordhorner Schule: „Sie gehen alle drin, weil sie
nicht alle drin gehen.“ Die Verhältnisse drängten auf
die Errichtung eines Neubaus. Da das Stadtinnere dafür keinen
Platz mehr bot, musste man vor die Tore gehen und fand dafür
ein Grundstück an der Lingener Straße, wo 1864 die
sogenannte „Lindenschule“ entstand, die dann um weitere
Schulgebäude auf dem Gildkamp erweitert werden musste.
Nachdem
1834 die Burgschule für die Kinder der katholischen Bürger
in der Kapelle auf der Nordhorner Burg errichtet wurde, sonderten
sich auch die Altendorfer Schüler 1857 von der Nordhorner
Stadtschule ab. Im Laufe der Zeit hatten sich auch alle umliegenden
Bauerschaften - Bakelde, Frensdorf, Bookholt, Hesepe, Bimolten, Hohenkörben und
Frensdorferhaar - eigene
Schulen zugelegt, so dass das Schulwesen des Kirchspiels
Nordhorn ein sehr buntes Bild bot.
Zur
Errichtung einer regelrechten Lateinschule, wie sie Bentheim,
Schüttorf und Neuenhaus besaßen, kam es in Nordhorn nicht.
Wer für sein Kind in Nordhorn eine über die Stadt- und
Volksschule hinausführende Bildung anstrebte, war auf eine
Privatschule angewiesen. Solche kleinen Privatschulen mit
fremdsprachlichen Unterricht wurden ab 1700 immer wieder ins Leben
gerufen. Um 1870 besuchten 20 - 25 Jugendliche aus Nordhorn die
Privatschule des Lehrers Ribbing. Das Schulgeld betrug monatlich 5
Thaler. Ab 1880 wurde diese sogenannte Rektorklasse mit der
Volksschule verbunden. 1891 verselbständigte der Magistrat
diesen Schultyp und brachte die Rektorschule, wie diese
Bildungsanstalt fortan hieß, erst im Rathaus und von 1908 an in
einem Gebäude auf der Alten Maate unter. Hieraus ist dann die
Mittelschule Nordhorn und heute die Freiherr-vom-Stein-Realschule
geworden, die im nächsten Jahr 1991 ihr 100-jähriges
Jubiläum feiert. Dagegen ist das Gymnasium am Stadtring als
erste höhere Schule der Grafschaft Bentheim erst 1925 als
Aufbauschule entstanden und erst seit 1939 eine grundständige
Oberschule.
Zu
Beginn dieses Jahrhunderts wurde die Nordhorner Schule mit der
Altendorfer Schule vereinigt. Die Frensdorfer Schule erhielt zwei
neue Schulgebäude, die heutige Waldschule am Ootmarsumer Weg und
die Wasserturmschule, deren Nachfolgeschule seit 1940 die
Ernst-Moritz-Arendt-Schule ist. In Bookholt entstand 1910 die zweite
Katholische Volksschule, die heutige Pestalozzischule, wenn auch die
Anfänge des Bookholter katholischen Schulwesens infolge der
Klosterschule in Frenswegen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen.
Von
1910 bis 1913 stieg die Bevölkerung des Nordhorner Raumes nach
dem Aufbau der Firma Rawe in der Busmaate von 9.400 auf 12.400
Einwohner. Entsprechend stieg die Schülerzahl in dieser Zeit von
1.600 auf 2.400 Schüler. Zu Beginn des 1. Weltkrieges (1914/15)
wurden im eigentlichen Stadtgebiet unterrichtet
- in
der Altendorfer Schule 900 Schüler von 16 Lehrern,
- in
der Frensdorfer Schule 700 Schüler von 14 Lehrern,
- in
Bookholt 70 Schüler von 1 Lehrer
- in
Frensdorferhaar 30 Schüler von 1 Lehrer,
- in
der Kath. Schule Nordhorn 500 Schüler von 9 Lehrern,
- in
der Kath. Schule Bookholt 130 Schüler von 2 Lehrern,
- in
der Rektorschule 85 Schüler
von 5 Lehrern,
zusammen
2.400 Schüler von 48 Lehrern;
also
durchschnittlich 50 Schüler von einem Lehrer.
Eine
zweite Periode ihres schnellen Aufstiegs erlebte die Stadt Nordhorn
durch das Anwachsen der Textilindustrie von 1925 bis 1928. Die
Bevölkerung wuchs in dieser Zeit von 13.000 auf 18.000
Einwohner. Von allen ehemaligen Bauernschaften erlebte Frensdorf den
bei weitem größten Zuzug, danach Bookholt, dann Altendorf
und den geringsten die alte Urgemeinde Bakelde. Ab 1927 kamen sehr
viele Bergarbeiterfamilien aus dem Ruhrgebiet, die schon seit langer
Zeit arbeitslos und deshalb der öffentlichen Fürsorge anheim gefallen waren, nach Nordhorn, um in der Textilindustrie
unterzukommen und in neuen Berufen wieder geordnete
Verdienstmöglichkeiten zu finden. Mit dem Bau von
Siedlungshäusern in der ehemaligen „Walachei“, der heutigen
Kölner Straße, an der Denekamper Straße bis hin zum
Ootmarsumer Weg entstanden als neue Stadtteile Neuberlin und
Blumensiedlung.
Für
die zum größten Teil kinderreichen, katholischen Familien
aus dem Ruhrgebiet war der Weg zur Burgschule zu weit. Außerdem
konnten sie in den vorhandenen Klassenräumen nicht mehr
untergebracht werden. Nach der Unterbringung von zwei Schulklassen im
Saal der Gaststätte Mack, dem „Berliner Hof“ und dem Bau
einer Holzbaracke für 3 Klassen entstand 1929 die katholische
Marienschule, die dann 1932 von ihrer Stammschule, der Burgschule,
getrennt und selbständig wurde. Für die evangelischen
Schüler wurde 1930 das neue Schulgebäude der Frensdorfer
Schule an der damaligen Brückenstraße, der heutigen
Friedrich-Ebert-Straße, eingeweiht. Heute feiert diese Schule
ihr 60jähriges Jubiläum.
Durch
den Zuzug der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach dem 2.
Weltkrieg ab 1945 nahm die Zahl der Schüler an den einzelnen
Schulstandorten gewaltige Ausmaße an. Südlich des
Nordhorn-Almelo-Kanals, wo sich in früheren Zeiten weite Sand-
und Heideflächen mit zahlreichen Wasserlöchern befanden,
die mit ihrem blanken Wasser im Winter zu idealen Eisbahnen wurden,
entstand ein neuer Stadtteil, die Blanke. Bereits 1951 wohnten hier
etwa 5.000 Einwohner, deren Kinder die weiten Wege zur Marienschule
und zur Ernst-Moritz-Arendt-Schule zurücklegen mussten.
Für
diese Schüler baute die Stadt Nordhorn die Ev. Blanke-Schule und
die katholische Elisabethschule. Zur gleichen Zeit wurde im Stadtteil
Bookholt die Neue Bookholter Schule, die heutige Grundschule am
Roggenkamp, errichtet.
Nach
ersten Anfängen ab 1937 und einem Neubeginn an verschiedenen
Nordhorner Schulen ab 1949 entstand aus der ehemaligen Hilfsschule
durch den Bau der Anne-Frank-Schule ein geordnetes Sonderschulwesen
für Lernbehinderte, das durch die Schule für
Sprachbehinderte auf dem Gildkamp ab 1975 und jetzt durch die neue
Sonderschule für Geistigbehinderte als Nachfolgerin der
Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe erweitert wurde.
Neben
der Auflösung der kleinen Landschulen in Bakelde, Bimolten,
Frensdorferhaar, Hesepe, Hestrup und Hohenkörben musste das
Schulwesen der Stadt Nordhorn in den letzten Jahrzehnten ständig
erweitert und schulorganisatorisch neu gestaltet werden. Dies wird
durch den Bau des Schulzentrums Deegfeld, der
Gerhart-Hauptmann-Realschule in der Blanke und der Stadtflurschule in
neuen Stadtteil gleichen Namens deutlich. Dies zeigen u.a. auch die
Trennung der Volksschulen in Grund- und Hauptschulen, die Errichtung
der Orientierungsstufen, die Umgestaltung der gymnasialen Oberstufe
und der Ausbau des Berufsbildenden Schulwesens.
Meine
Damen und Herren, liebe Schüler!
525
Jahre Schule in Nordhorn waren für mich der Anlass, in
großen Zügen Rückschau zu halten auf die Entwicklung
des Schulwesens in dieser Stadt. Aus der Stadtschule, die
anfänglich
mehrere hundert Jahre die einzige Schule in Nordhorn war, ist ein
weitverzweigtes Schulsystem entstanden. In mehr als 30 Schulen werden
mehrere tausend Schüler täglich in kleinen Klassen von
pädagogisch versierten Lehrerinnen und Lehrern unterrichtet. Die
Stadt Nordhorn hat gewaltige Anstrengungen unternommen, um dieses
Schulwesen auf den heutigen Stand zu bringen. Hierfür danke ich
allen, die dabei erfolgreiche Arbeit geleistet haben.
Ich
wünsche allen, dass die Entwicklung des Schulwesens in der
Stadt Nordhorn die Fortschritte macht, die für die künftigen
Bewohner dieser Stadt und ihre Lebensgestaltung erforderlich sind.
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