Aufnahmejahrgang 1941
Nachstehend wird der GN-Bericht vom 26.
April von Philip Aubreville wiedergegeben:
"Als in der Schule nichts normal war
Ehemalige Grafschafter Schüler
schreiben Buch
Unterrichtsausfall wegen Fliegeralarms, aus
Ostpreußen geflohene Mitschüler, propagandistische
Schulbücher: Der „Aufnahmejahrgang
1941 der Staatlichen Oberschule für Jungen Nordhorn“
erlebte eine völlig andere
Schulzeit, als sie den Fünftklässlern bevorsteht, die
im Sommer am Gymnasium eingeschult werden. Im gleichnamigen Buch, das
der „Ehemalige“ und pensionierte Lehrer Horst-Günther Stacharowsky
initiiert hat, erinnern sich nun einige von ihnen an diesen
Lebensabschnitt – gut 60 Jahre nach ihrem Abitur 1950.
Horst-Günther
Stacharowsky steht auf dem Schulhof der Stadtring-Gymnasiums
Nordhorn und lässt seinen Blick über die zahlreichen
Gebäude wandern. „Hier hat sich einiges verändert,
früher war das Gebäude wesentlich kleiner“, erklärt der
gebürtige Bad Bentheimer und macht eine abschneidende Handbewegung.
Vor 70 Jahren wurde er hier eingeschult – damals
hieß das Gymnasium noch „Oberschule für Jungen Nordhorn“ und
Kinder wie der damals zehnjährige Horst kamen mit dem Zug aus
ihren Heimatorten in die heutige Kreisstadt zum Unterricht. „1b“
hieß seine Klasse, in die jene 36 Jungen und – der Name
„Oberschule für Jungen“ verfehlte schon lange vorher die
Realität - Mädchen gingen, die aus der Ober- und
Niedergrafschaft stammten und deshalb nicht mit den Nordhorner
„Stadtkindern“ aus der Klasse „1a“ die Schulbank drückten.
Zahlreiche Zu- und Abgänge, etwa Flüchtlinge
aus Ostpreußen, sorgten dafür, dass insgesamt 91
Schüler einmal Mitglied der „Grafschafter“ b-Klasse gewesen waren,
als 1950 schließlich das Abitur anstand. Einer der verbliebenen
27 Absolventen: Horst-Günther
Stacharowsky.
Stacharowsky
studierte später in Marburg und arbeitete als Lehrer; zuletzt in
Münster, wo er auch heute noch lebt. Die Verbindung mit seiner
Obergrafschafter Heimatstadt, aber auch mit Nordhorn, riss allerdings
nie ab. Und so kam dem 79-Jährigen beim Sichten alter Unterlagen,
die er aus dem Nachlass des Nordhorner Pädagogen Ernst-Joachim Schaede
erhalten hatte, die Idee zu seinem Buchprojekt, das eine Schulzeit
beschreibt, in der „nichts normal“ war.
Ursprünglich war nur eine statistische
Übersicht des Aufnahmejahrgangs 1941 geplant, doch bald ergaben
sich weitere Fragestellungen nach den einzelnen Mitgliedern der Klasse
oder den Unterrichtsinhalten. Stacharowsky
bat ehemalige Klassenkameraden aus der b-Klasse um Beiträge –
deshalb bezieht sich das Werk fast ausschließlich auf Ober- und
Niedergrafschafter Schüler – und konnte eine imposante Sammlung
von Dokumenten, Bildern und vor allem den Erinnerungen einzelner
Schüler zusammenstellen, der eine akribische Auflistung der
einzelnen Zu- und Abgänge vorausgeht.
Die Arbeit war dabei alles andere als einfach. Nach dem
Krieg sei vieles vernichtet worden, was die NS-Vergangenheit mancher
Lehrkräfte beleuchtet hätte, erklärt Stacharowsky. Allerdings
habe es doch einige glückliche Funde gegeben: „Es existierte zum
Beispiel noch ein altes Klassenbuch, das nach dem Krieg weiterverwendet
wurde, da Papier knapp war.“ Auch Auszüge aus alten Physik- und
Englischbüchern oder Briefe einzelner Schüler finden sich in
„Aufnahmejahrgang 1941 der Staatlichen Oberschule für Jungen
Nordhorn“ abgedruckt.
Wichtigster Teil des Werkes dürfte aber die
„Collage“ von Berichten 13 ehemaliger Schüler sein. Darin wird
sowohl der (schulische) Alltag im „Dritten Reich“ als auch im
Nachkriegsdeutschland geschildert. Im Mittelpunkt stehen dabei
natürlich die für diese Generation typischen Erlebnisse und
Erfahrungen, etwa der Luftangriff auf einen „Schülerzug“ in
Veldhausen 1944, der allgegenwärtige Hunger und entsprechende
Gegenmaßnahmen („Hamstern“, Schwarzschlachten) oder die
antisemitische Indoktrination einerseits und der vorsichtige Versuch
eines Lehrers, auch im Jahre 1942 den Sinn von Konzepten wie
„Demokratie“ oder „Opposition“ zu erklären.
Hier zeigt sich zugleich die Problematik derartiger
Erinnerungsliteratur, deren Schilderungen fast zwingend verzerrt sein
müssen, weil sich der Standpunkt des zwölfjährigen
Hitlerjungen eben doch von dem des gealterten, auf seine eigenen
Erinnerungen aus einer nun bundesrepublikanischen Perspektive
Zurückblickenden unterscheidet. Auf das Problem gefärbter
Erinnerungen wird in dem Buch allerdings ausdrücklich hingewiesen
– ebenso wie auf entsprechende weiterführende Literatur.
Nichtsdesto trotz ist das Werk, das bisher in relativ
kleiner Auflage im Eigenverlag erschien, kein Geschichtsbuch, sondern
richtet sich in erster Linie an diejenigen, die sich „miterinnern“
können. Allerdings seien durchaus auch zeithistorisch
interessierte Menschen jüngerer Jahrgänge angesprochen,
erklärt Horst-Günther
Stacharowsky und wirft einen letzten Blick auf den riesig
scheinenden Schulhof mit den neuen Gebäuden. Interessierte können sich unter
Telefon (02533) 1618 melden."
Hinweis: Die
GN vom 10.6.2011 berichten, dass das Buch an die
Schulleitung des
Gymnasiums Nordhorn, Frau Monika Woltmann und an
ihren
Kollegen Jan Leutmannsmeyer
übergeben wurde. Das Buch soll als Arbeitsmaterial für den
Geschichtsunterricht dienen. Es wird zudem Eingang in die Bibliothek
dienen. Das Buch über den Abiturjahrgang 1950, das mehrere
ehemalige Abiturienten herausgegeben haben., geht zwar von der
Situation in der Schule aus. "Es greift aber räumlich und in
seinem historischen Bezug weit darüber hinaus und bietet
überraschende Einblicke in das Leben jener Zeit", so Stachorowsky
|