Ein
GN-Bericht
vom 23.
Mai 2009:
Die Zukunft
Europas ist die
Zukunft der Jugend
Internationale
Kontakte nehmen
zu – Niederländischunterricht
an 23 Grafschafter Schulen
Von
Manfred Rockel
Hinweis
zum Verfasser: Herr
Manfred
Rockel ist
der "Koordinator für europäische und internationale
Aufgaben im Schulbereich" bei der niedersächsischen
Landesschulbehörde, Standort Osnabrück. Zu seinen
Hauptaufgaben gehören gehören Information, Beratung und
Evaluierung zum Comenius-Projekt, wofür in Westniedersachsen
ebenfalls ein kleines EuropaTeam bereit steht. Nähere
Informationen über seine Tätigkeit finden Sie im Internet
unter "Arbeiten
für Europa"
"Was
bedeutet uns Europa? – Jeder hat seine eigene Vorstellung von
Europa, und die ist durchweg nicht negativ, wenn es um den Alltag
geht: Ungehindertes Reisen von einem Land in das andere, Studieren
und Arbeiten im Ausland, freier Zugang zu europäischen Waren und
Anbietern... Das sind heute fast selbstverständliche
Annehmlichkeiten, die die große Mehrheit nicht wieder
hergegeben werden möchte.
Sperrig
wird es allerdings, wenn wir Europa in der politischen Dimension
betrachten. Das Bild wird auch heute noch von viel Skepsis und einer
großen Portion Unwissenheit bestimmt. Das drückt sich auch
in der bisher schwachen Beteiligung bei den Wahlen zum
europäischen
Parlament aus.
Dabei
sollte niemand an der heutigen Bedeutung der Europäischen Union
für jeden Europäer zweifeln. Das gilt allgemein, weil
mittlerweile rund zwei Drittel der Regelungen, die das Leben der
Bürger Europas bestimmen, direkt oder indirekt auf
Entscheidungen der EU zurückgehen. Das gilt ebenso im
Einzelfall, wenn beispielsweise am selben Tag im März eine
gerade für Jugendliche nutzerfreundliche Höchstgrenze
für
Auslands-SMS festgesetzt wird oder problematische Nano-Bestandteile
in Sonnenschutzmittel und Pflege-Cremes verboten werden.
Für
junge Menschen scheint sich auch der Sinn des wunderbaren Zitats des
Luxemburgischen Premierministers Jean-Claude Juncker (aus dem Jahr
2005) nicht ohne Weiteres zu erschließen: „Wer an Europa
zweifelt, der sollte Soldatenfriedhöfe besuchen.“ Dabei ist,
besonders wenn die ältere Generation sich besinnt, über 60
Jahre Frieden in Mitteleuropa ein großartiges Geschenk. Und was
wären die Alternativen zu einem friedlich zusammenarbeitenden
Europa – „das Gegeneinander der Völker, das
Nicht-miteinander-Wollen, das Nicht-miteinander-Können“?
Hat
Europa also ein Vermittlungsproblem? Für den Freiburger
Europadidaktiker Detlev Hoffmann kommt es vor allem darauf an, dass
Jugendliche sich für die Zukunft Europas „als ihre eigene“
interessieren, und Hoffmann geht weiter: „Nur die Schule ist der
Ort, an dem nahezu alle Jugendlichen erreicht und für Europa
motiviert werden können.“
In
diesem Sinne haben sich bereits 1978 die Kultusminister aller
Bundesländer geeinigt, Europa allen Schulen als Bildungsauftrag
aufzugeben, und dies fächer- und schulformübergreifend.
Manchmal sind kleine Schritte auf diesem Weg vielleicht Erfolg
versprechender als große Sprünge ins Leere. An den
Grafschafter Schulen hat sich jedenfalls mit Blick auf
Europakompetenz und europäische Zusammenarbeit von Schulen,
verstärkt in den letzten zehn Jahren, einiges entwickelt, das
das Bild bis heute positiv verändert hat.
Es
ist buchstäblich nahe liegend, dass sich inzwischen
ausgesprochen vielfältige Formen schulischer Aktivitäten
und Zusammenarbeit mit dem niederländischen Nachbarn ergeben
haben: Die Grundschule
Blumensiedlung in Nordhorn ist nur eine von zahlreichen
Grafschafter Schulen, die regelmäßige
Austauschmaßnahmen
und gegenseitige Schulbesuche oder kleine Projekte mit
niederländischen Partnern durchführen. In Bad Bentheim hat
die Städtepartnerschaft mit Assen beispielsweise auch einen
Schüleraustausch eingeleitet, der nicht nur das Burg-Gymnasium,
sondern auch die Grund-
und Hauptschule einbezog. Die Kaufmännische
Berufsbildende Schule der Grafschaft (KBS) hat derzeit sechs
niederländische Auszubildende zu Gast, die ein Praktikum in
hiesigen Großhandelsbetrieben durchführen. Die KBS
wiederum plant, mit Hilfe des EU-Förderprogramms „Leonardo
da Vinci“ im Oktober deutsche Schüler zur beruflichen
Bildung in die Niederlande zu schicken. Der Bereich Landwirtschaft
der Hauswirtschaftlichen
Berufsbildenden Schule (HBS) ermöglicht seit Jahren jungen
Franzosen aus Chateauroux, ihr Praktikum in landwirtschaftlichen
Betrieben der Grafschaft zu absolvieren. Die HBS hat ebenfalls
„Leonardo“-Kontakte nach Almelo aufgebaut.
In
Emlichheim und Coevorden werden die Gemeinden grenzübergreifend
mit ihren Schulen zusammenarbeiten, damit die Schüler bereits
bei der beruflichen Orientierungsphase lernen, über den eigenen
Tellerrand zu schauen. Der Motor des Projekts, Realschulrektor
Rüdiger Kopplin, will dieses Projekt mit der Haupt-
und Realschule
auch dann durchführen, wenn die beantragten Fördergelder
des neuen EU-Programms „Comenius Regio“ ausbleiben
sollten.
Besonders
herauszustellen ist in diesem Zusammenhang auch der erste
grenzüberschreitende Zusammenschluss in Europa, die EUREGIO, die
seit 1958 zahlreiche gute und wichtige Anstöße für
die Zusammenarbeit mit den Niederlanden, auch im Schulbereich,
gegeben hat und gibt. Die EUREGIO hilft auch, eine passende
Partnerschule zu finden.
Hajo
Hülsdünker, bei der Landesschulbehörde zuständig
für die niedersächsisch-
niederländische Zusammenarbeit, zeigt sich sehr zufrieden
mit dem wachsenden Angebot und Zuspruch, den Niederländisch als
Fremdsprache erfährt. Die entsprechende Übersicht des
Niederländisch-Angebots umfasst 23 Schulen in der Grafschaft und
reicht von der Grundschule in Gildehaus bis zu der Gewerblichen
Berufbildenden Schule in Nordhorn.
Eine
der besten Aktionen der EU war die Entwicklung des seit 1995
existierenden Förderprogramms für Schulen unter dem Begriff
„Comenius“. Die Idee, unter
dem Namen des bedeutenden Universalgelehrten Johann Amos Comenius
(fast) allen Schulen in Europa anzubieten, direkt in Projektgruppen
miteinander zu arbeiten und sich auszutauschen und Europa gleichsam
von der Basis aus praktisch mit Leben zu füllen – diese Idee
hat seither zu tausenden multilateralen Europaprojekten geführt.
Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich hier die Grafschaft rührte,
aber im Jahr 2005 konnten gleich drei Schulen die Ergebnisse ihrer
Arbeit mit Projektpartnern in Europa in einer gemeinsamen Ausstellung
im Kreishaus vorstellen:
ä
Grundschule
Altendorfer Straße, Nordhorn, Projekttitel: Leben am Wasser
– Wasser ist Leben, Partner in Ekshärad/Schweden,
Hardenberg/Niederlande, Malbork (Marienburg)/Polen
ä
Gymnasium
Nordhorn, Projekttitel: Unsere Stadt – Kontinuität und
Wandel von 1900 bis heute, Partner in Nijmwegen/ Niederlande,
Nové
Mésto /Tschechien
ä
Hauswirtschaftliche
Berufsbildende Schulen der Grafschaft in Nordhorn, Projekttitel:
Die Beziehung zwischen Produzenten und Verbrauchern in vier
europäischen Ländern, Partner in: Xinzo de Limia/ Spanien,
Linnantaus/ Finnland, Charolle und Figeac/ Frankreich
Bei
unterschiedlichen Themen und Partnern haben die Schulen gemeinsam so
gute Erfahrungen mit „Comenius- Schulpartnerschaften“ gemacht,
dass Folgeprojekte bereits laufen oder geplant sind. Das gilt auch
für das Lise-Meitner-Gymnasium
in Neuenhaus und Uelsen, wo aktuell in dem zweiten Projekt „g@t
it – the European Feeling“ eine internationale Schülerzeitung
entsteht.
Bei
„Comenius“ stellt die EU für eine Schule bis zu 20000 €
für europäische Projektarbeit und Projekttreffen zur
Verfügung – mindestens genauso wichtig und wertvoll sind die
zahlreichen und über Jahre in Eigeninitiative der Schulen
durchgeführten kleinen und großen Aktivitäten, die
darauf ausgerichtet sind, Europakompetenz und interkulturelle
Kompetenz an den Schulen zu entwickeln und zu fördern.
Nicht
immer muss dabei eine Veranstaltung so aufwändig gestaltet sein
wie der dritte EU-Projekttag 2009 am Schulzentrum
Lohne, wo Schülergruppen Europa geographisch, politisch,
kulturell und kulinarisch präsentierten.
Um
ihren Schülern für Europa und die Welt interkulturelle
Kompetenz zu vermitteln, können die Schulen auf
unterschiedlichen Wegen ansetzen, das Erlernen von mehreren
Fremdsprachen und internationale Kontakte und Austauschmaßnahmen
gehören bei den Gymnasien der Grafschaft erfreulicherweise
durchweg dazu. Das Missionsgymnasium
St. Antonius in Bardel hat sich besonders international
ausgerichtet, indem die Schule u.a. Chinesisch anbietet, einen
wöchentlichen Schüleraustausch mit Losser durchführt,
Kontakte zu Brasilien und Südafrika pflegt und seine Schüler
über ein bilinguales Modell zum englischen Abitur (A Levels)
führen wird.
Einen
bemerkenswerten Ansatz hat auch das Gymnasium
Nordhorn als Europaschule entwickelt, wo ein kollegiales
Europateam die vielfältigen Europa-Aktivitäten so
koordiniert, dass sie einen Eckstein des Schulprofils bilden.
Europa
wird wie Rom nicht an einem Tag gebaut, und viele, aber nicht alle
Wege führen nach Europa. Zahlreiche Grafschafter Schulen haben
sich auf ihren Weg gemacht. Die Schülermeinungen belegen, dass
die Erfahrungen nicht die schlechtesten sind. Vielleicht ergibt die
konkrete Begegnung mit unseren euröpäischen Nachbarn für
mehr junge Leute den Anstoß, auch als Erstwähler bei der
Europawahl aktiv zu werden."
Quelle:
GN-Artikel von Manfred Rockel, Die Zukunft Europas ist die Zukunft
der Jugend, 23.05.2009
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