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Reise zu den
Nibelungen
Erinnerungen an eine Klassenfahrt als Schüler
der Mittelschule Neuenhaus 1927
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von Heinrich Schepers
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Es ist etwas sehr Schönes, wenn nach
mehr als 70 Jahren Ereignisse aus der Kinderzeit lebendig werden, wenn
auch nur ein Ereignis den Anstoß dazu gibt. Eine
Fernsehausstrahlung über die ehemalige Grafschaft Tecklenburg mit
Hinweis auf die bekannte Freilichtbühne als wichtige kulturelle
Einrichtung entführte mich in die Jahre als Schüler der
Mittelschule Neuenhaus, die ich von 1924 bis 1928 besuchte.
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Mit der Berufung von Dr. Christian Tibbe als
Lehrer für Deutsch und Geschichte begann für die damalige
Rektoratsschule die Entwicklung zu einer wichtigen Lehranstalt für
die Niedergrafschaft Bentheim. Mit der 1927 erfolgten "Erhebung" zur
Mittelschule konnten die Schüler das "Zeugnis der Mittleren Reife"
erwerben und somit Anschluß an die gleichen Anstalten in
Nordhorn, Bentheim und Schüttorf finden.
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Dr. Tibbe unterrichtete nach damals modernen
Grundsätzen, streng und sehr erfolgreich. Die Leistungen der
Schüler wurden kritisch bewertet. Bei ihm lernten wir, ein
Aufsatzthema nach wissenschaftlichen Richtlinien zu erarbeiten. Nur
eine richtige Gliederung, Unterpunktion, volle Ausdeutung eines
gestellten Themas und fließender Stil fanden bei ihm Gnade. Die
Befähigung dazu hat er mit seinem beispielhaften Unterricht. Bei
der Behandlung des Schauspiels "Die Nibelungen" bot sich eine besondere
Möglichkeit zur Vetiefung des theoretischen Unterrichts durch den
Besuch der Freilichtbühne Tecklenburg, die mit einer großen
Aufführung der "Nibelungen" im Sommer 1927 in der ganzen Region
aufmerksam verfolgt wurde.
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Obwohl wir im Sommer 1925 bereits die erste
Einstudierung der Freilichtbühne Bentheim mit der Aufführung
"Die Hermannschlacht" besucht hatten und hier den Unterrichtsstoff
vertiefen konnten, wurde die Aufführung der Nibelungen für
uns ein Erlebnis, das nie ganz vergessen wurde.
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Damals gab es keine Omnibusse, die Reise
erfolgte mit der Bahn bis Ibbenbüren. Der Fußmarsch
über den Kamm des Teutoburger Waldes bis nach Tecklenburg war
für uns aus dem "Flachland" schon ein großes Erlebnis.
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Nach Besichtigung einiger
Sehenswürdigkeiten in der Stadt wurde der Weg zur Burg angetreten,
wo die große Freilichtbühne ihren Platz gefunden hatte.
Schon bald konnten turmartige Bauten ausgemacht werden, die
Krimhildburg in Worms und die Brunhildburg in Island. Beide Aufbauten
machten beim Eintritt in die Zuschaueranlage mit ihren riesigen
Freitreppen einen impoanten Eindruck. Für uns Schüler gab es
alle Möglichkeiten zur Anregung unserer Phantasie. Wir hatten uns
mit dem Besuch wochenlang beschäftigt. Die lehrmäßige
Beschäftigung mit dem Schauspiel hatte unsere Erwartungen
angespannt. Was wir aber dann in der Wirklichkeit zu sehen bekamen,
übertraf alle Vorstellungen. Der mehrstündige Ablauf der
Spielhandlung hat uns stark beeindruckt, dabei haben wir den
gesprochenen Text vielleicht gar nicht richtig verstanden. Die bunten
Bilder mit den vielen Schauspielern auf der Bühne in den noch nie
zuvor gesehenen Kostümen und die Ritterausrüstungen
ließen uns die Zeit vergessen. Nie vergessen habe ich die
Auftritte der weiblichen Rivalinnen Krimhild und Brunhild mit ihren
Hofdamen, in weißen Gewändern die Burgunder und im
düsteren Gewand die Königin aus dem Norden. Nachhaltig
wirkten auf uns auch die Ritter und Knappen in den strahlenden
Rüstungen, unvergessen die Szene mit Siegfried am Brunnen, der auf
dem Gang zur Quelle von einem unsichtbaren Chor vor der Gefahr gewarnt
wurde.
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Ich konnte im späteren Leben noch viele
Freilichtaufführungen mit der Siegfried-Sage besuchen. unter
anderem konnte ich 1953 noch einmal eine Aufführung in Tecklenburg
sehen: Das Katasteramt Neuenhaus feierte im Juli des Jahres 1953 das
25. Jubiläum. Die Feier fand im Rahmen eines Betriebsausfluges
nach Tecklenburg statt. Zu der Feier waren der ehemalige
Katasterdirektor
Warnken aus Osnabrück und sein erster Lehrling eingeladen. Die
späteren Aufführungen waren nach meiner Empfindung nur ein
"Abklatsch" des Erlebnisses aus der Schulzeit.
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Quelle:
Heinrich Schepers, Der Grafschafter, Nummer 2/1998, Seite 8
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