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Ein
wichtiger Teil der Neuenhauser Schulgeschichte
- auch des Lise Meitner Gymnasiums:
Die Unverstandene in Neuenhaus
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von
Daniel Klause |
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"Die
Gesamtschulen sind der Stachel im Fleisch des
herkömmlichen
Schulwesens.“ Wie Recht der damalige Kultusminister Werner Remmers doch
1981 mit diesem Ausspruch hatte! Keine Schule in der Grafschaft ist so
geliebt, gehasst und missverstanden worden wie die Kooperative
Gesamtschule (KGS) Neuenhaus. Ihre Organisationsstruktur, Inhalte und Ziele haben
nur
die wenigsten verstanden. Bis zum Schluss blieb die KGS ein Unikum in
der
Grafschafter Schullandschaft. |
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Rückblende:
Trotz ständiger Neubauten herrscht an den Neuenhauser Schulen Ende
der 1960er Jahre akute Raumnot, insbesondere an der Mittelpunktschule,
der Vorgängerin der Hauptschule. Zum 1. August 1967 startet das
Gymnasium
mit den Klassen fünf und sieben. Die für eine
Zweizügigkeit
erforderlichen Schülerzahlen werden erst im letzten Augenblick
erreicht.
Daneben gibt es die Mittelschule, die Vorgängerin der heutigen
Realschule,
die seit 1956 von einem Zweckverband mit 26 Mitgliedsgemeinden getragen
wird. Alle Schulen kämpfen mit einem akuten Lehrermangel. Wegen
der
Randlage der Grafschaft ist es äußerst schwierig, Lehrer von
außerhalb zu gewinnen. |
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Vor
diesem Hintergrund schmiedet Stadtdirektor Sinus
Lefers
1968 im Geheimen einen Plan, um alle Fliegen mit einer Klappe zu
schlagen.
Am Ende des turbulenten und reformfreudigen Jahrzehnts taucht der
Begriff
Gesamtschule in der politischen und akademischen Diskussion auf. Auch
die
sozial-liberalen Koalitionen unter den Ministerpräsidenten Georg
Diederichs
und Alfred Kubel stehen Schulreformen aufgeschlossen gegenüber. |
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Christdemokrat
Lefers erkennt in der Teilnahme am
Schulversuch
„additive Gesamtschule“ eine einmalige Chance für Neuenhaus: Durch
die Anerkennung als Modellvorhaben könnte es eine bessere
Lehrerversorgung
geben. Die Strahlkraft des Begriffs Gesamtschule könnte junge
Lehrer
in die abgelegene Grafschaft locken. Vor allem aber, daraus hat der
frühere
Verwaltungschef nie ein Hehl gemacht, locken Lefers die hohen
Zuschüsse
für Schulneubauten. Langfristig rechnet er zudem mit
Kosteneinsparungen,
wenn die Fach- und Gemeinschaftsräume besser genützt werden.
Und schließlich hofft er durch die Teilnahme am Schulversuch auf
einen Bedeutungszuwachs für die Kleinstadt bei der bevorstehenden
Gebietsreform. Gemessen an seinen Zielen hat er genau richtig gehandelt. |
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Trotzdem
gibt es heute, fast 40 Jahre nach Lefers'
erstem
Brief ans Kultusministerium, in Neuenhaus keine KGS mehr, dafür
aber
wieder wie 1967 drei selbstständige Schulen. Gründe für
das Scheitern nennen die früheren KGS-Direktoren Jan Kortmann
(1978
bis 1989) und Günther Itterbeck (1989 bis 2000), der
langjährige
didaktische Leiter Jörg Leune und der letzte KGS-Leiter Joachim
Lachmann
im Gespräch mit den GN. Ihrer Ansicht nach hatte die KGS von
Anfang
an zwei Schwächen: die kollegiale Schulleitung und die
Rivalität
mit dem Gymnasium. |
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"Ich
war gleichzeitig General zu Pferd und zu
Fuß“,
erinnert sich Itterbeck an seine Stellung. Die KGS Neuenhaus war zwar
im
September 1971 die erste Gesamtschule in Niedersachsen, aber bis 2003
auch
die einzige im Land, deren Direktor und stellvertretender Direktor
zugleich
einen Schulzweig leiten mussten. Der ursprüngliche Plan einer alle
drei Jahre rotierenden Schulleitung scheiterte bereits 1977 an einer
neuen
Besoldungsordnung. |
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Die
Rolle des KGS- und Schulzweigleiters sei ein
ständiger
Spagat zwischen teilweise gegensätzlichen Interessen gewesen, sagt
Itterbeck. Angesichts des Arbeitsaufkommens in den Schulzweigen und des
fehlenden stellvertretenden Schulzweigleiters war die Position alles
andere
als begehrt. Annette Harnitz war die erste und einzige Direktorin, die
nicht zugleich einen Schulzweig leitete. |
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Ein
grundlegendes Problem der KGS lag nach Kortmanns
Ansicht
in der Gründungsgeschichte. Während Gesamtschulen andernorts
als Alternative zu den herkömmlichen Schulen neu gegründet
wurden
oder aus den Orientierungsstufen heranwuchsen, hat die Stadt Neuenhaus
einfach drei bestehende Schulen in einen Rahmen gezwängt. 1973 kam
mit dem Schulzweig Orientierungsstufe die einzige reine Gesamtschule
hinzu.
Selbst Lefers stellt in seiner Rede anlässlich des
25-jährigen
Bestehens der KGS im Jahr 1996 fest, dass der Schulversuch „nicht von
allen
Schulen mit Beifall bedacht“ worden sei. |
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Kortmann,
der 1969 die Leitung der Realschule
übernommen
hatte, erinnert sich. dass vor allem seine älteren Kollegen gegen
die Ehe mit Hauptschule und Gymnasium gewesen seien. Erst mit den
neuen,
jungen Lehrern habe der KGS-Gedanke die Erinnerung an die
„Universität
der Niedergrafschaft“ abgelöst, als die die Mittelschule Neuenhaus
lange Zeit galt. Dennoch hätten auch die meisten jungen Lehrer
keine
Einheit, sondern lediglich eine Zusammenarbeit gewollt. „Wir wollten
nur
ein bisschen schwanger sein“, beschreibt Kortmann einen Geburtsfehler
der KGS.
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Die
zweite Schwäche der KGS war die
Rivalität
mit dem Gymnasium. „Stadt und Landkreis wollten immer beides: eine KGS
und ein Gymnasium“, erklärt Itterbeck, der wie Kortmann zugleich
den
Schulzweig Realschule leitete. Der KGS-Gründung vorausgegangen war
ein jahrelanger Kampf um ein Kreisgymnasium in Neuenhaus. Weil eine
Gesamtschule
einen gymnasialen Zweig haben muss, wurde das Gymnasium 1971 auf die
Jahrgangsstufen
11 bis 13 gestutzt - auch das ein Unikum in Niedersachsen. |
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Die
Bestrebungen um Eigenständigkeit des
Gymnasiums
waren damit allerdings nicht beendet - im Gegenteil. „Der erste Schritt
war die Gründung eines Fördervereins für das Gymnasium
ab
Klasse sieben, obwohl die Mittelstufe eigentlich zur KGS gehörte“,
erinnert sich Itterbeck. Ein Dauerstreit sei die Bezeichnung des
großen
Versammlungsraums als „KGS-Forum“ oder „Aula des Gymnasiums“ gewesen. |
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Das
Ende der KGS läutete im Jahr 2002 der
Beschluss
von Landkreis und Stadt ein, das Gymnasium um die Mittelstufe zu
erweitern,
also um die Klassen sieben bis zehn, 2004 auch um die Klassen fünf
und sechs. Der Beschluss zwang die KGS dazu, einen neuen, eigenen
gymnasialen
Zweig zu gründen. Das Ergebnis ist schnell erzählt: Die
Eltern
schickten ihre Kinder lieber gleich aufs Gymnasium, nach zwei
Jahrgängen
mit knapp 20 Schülern reichten die prognostizierten Anmeldezahlen
im Frühjahr 2004 für den gymnasialen KGS-Zweig nicht mehr aus. |
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Am
17. Mai 2004 folgte die Mehrheit des
Samtgemeinderats
folgendem Vorschlag: die KGS nimmt ab dem Schuljahr 2004/2005 keine
neuen
Schüler mehr auf. Beginnend mit den Jahrgängen fünf,
sechs
und sieben nehmen die Hauptschule Neuenhaus und die Realschule
Neuenhaus
den Betrieb auf. Der letzte KGS-Jahrgang wird zum Ablauf des Schuljahrs
2006/2007 entlassen. |
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Hatte
die KGS eine Überlebenschance? Jörg
Leune
glaubt daran. 2002, als das Gymnasium die Mittelstufe hinzubekam, habe
es die KGS-Leitung verpasst, ein neues, eigenes Profil zu entwickeln,
vor
allem für ihren gymnasialen Zweig. „Man hätte offensiv
für
die KGS-Idee werben sollen, auch in Nordhorn und Wietmarschen, wo es
noch
Schülerpotenzial gab“, sagt Leune. Um den Kooperationsgedanken in
ein Schulzentrum aus Haupt- und Realschule zu retten, habe 2004 die
Motivation
gefehlt. „Als das Ende der KGS absehbar war, verließen alle das
sinkende
Schiff“, erinnert sich Leune, der selbst ans Gymnasium wechselte und
die
Leitung der neuen Außenstelle in Uelsen übernahm. |
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Die
Schwächen, Probleme und
Auseinandersetzungen
auch persönlicher Art überlagern leicht die Erfolge der KGS.
Nachdem Lefers die Lehrer der drei Schulen im Sommer 1969 über die
Teilnahme am Schulversuch informiert, wird innerhalb kürzester
Zeit
ein inhaltlicher Rahmen formuliert. Ende 1973 ist die Planung
abgeschlossen
und die Schulverfassung formuliert. Kernpunkte: Die Schulzweige bauen
auf
einer kooperativen Eingangs- und Förderstufe, später
Orientierungsstufe,
auf. Die Dreigliedrigkeit der Schule bleibt grundsätzlich
erhalten,
indem die Schulzweige räumlich und organisatorisch sichtbar
bleiben.
Gemeinsames Lernen findet in den Fächern Religion, Kunst, Musik,
Werken
und Sport statt. Arbeitsgemeinschaften und Schulveranstaltungen werden
Schülern aller Schulzweige angeboten. |
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Jörg
Leune nennt noch weitere Erfolge der KGS:
den
schulzweigübergreifenden Lehrereinsatz und die Fachkonferenzen, in
denen OS-, Haupt-, Realschul- und Gymnasiallehrer saßen.
Außerdem
hätten im „Ständigen pädagogischen Planungsausschuss“
Lehrer,
Schüler und Elternvertreter aller Schulzweige an der inhaltlichen
Weiterentwicklung der KGS mitgearbeitet. „Die Schule hat sozial
integriert.
Die Schüler fühlten und bezeichneten sich als
KGS-Schüler“,
betont Leune. „Heute spürt man den gegensätzlichen Trend“,
meint
der letzte KGS-Leiter Joachim Lachmann. |
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Die
Erfolge der Kooperation sind aber auch in einer
Vielzahl
von Projekten zum Ausdruck gekommen. Seit 1973 fuhren Schüler
erstmals
nach Boussy-St. Antoine bei Paris. Der Schulzweig Realschule unterhielt
Partnerschaften mit Schulen in den Niederlanden. Ausstellungen, das
„Teatro
Sportivo“, die Theater-AG und zahlreiche Erfolge bei Musik-, Sport- und
Schulwettbewerben zeugen davon. |
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Als
Gründervater Sinus Lefers dem Nordhorner
Architekten
Knut Krieger den Auftrag zum Bau des Schulzentrums gab, hatte er auch
das
Scheitern des Schulversuchs bereits einkalkuliert. Zwischen den
Schulzweigen
sollten Laufebenen geschaffen werden, andererseits sollten die
Schulgebäude
bei einem Scheitern des Schulversuchs getrennt genutzt werden
können.
Krieger setzte 1970 die angestrebte, aber nie erreichte Einheit der
Schulzweige
- ganz im Stil der Zeit mit Beton, Stahl und Glas - in eine konsequente
Architektur um. Selbst die großformatigen Schriftzüge, die
die
wiedergewonnene Trennung nach außen sichtbar machen sollen,
können
diesen überzeugenden Gesamtentwurf kaum trüben. |
Quelle: Grafschafter Nachrichten, GN-Journal am Wochenende vom 7.Juli 2007
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