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Heinrich Specht
4.1.1885 - 18.6.1952
Gedenkrede von Ludwig Sager am 9.8.1952 in Neuenhaus
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Liebe
Heimatfreunde!
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Nachdem
am 18. Juni unser langjähriger Vorsitzende Heinrich Specht
von uns gegangen ist, ist es das erste Mal, dass der Heimatverein seine
Mitglieder zu einer Tagung einberufen hat. Wir glauben im Sinne des
Verstorbenen zu handeln, wenn wir seine Arbeit fortsetzen. Daran soll
es nicht fehlen. Der Beginn dieses neuen Abschnittes in der
Vereinsgeschichte gelte dem dankbaren Andenken des Heimgegangenen. Der
Vorstand hat mich als ältesten Grafschafter Weggefährten
Heinrich Spechts gebeten, diesem Gedenken Ausdruck zu geben.
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Wenn
jetzt im Oktober die Blätter an den Bäumen gilben, sind
es 47 Jahre her, dass der Verstorbene Grafschafter Boden betrat. Am
4.1.1885 in Diemke, Kr. Herford geboren, erhielt der junge Lehrer seine
erste Stelle in Uelsen. Die Heidhügel, die grünen
Quelltäler, die dunklen Föhrenwälder auf den Höhen
ringsum sagten ihm außerordentlich zu. Doch stand eins bei ihm
fest, nämlich: bei nächstmöglicher Gelegenheit das
Heideland an der Grenze wieder zu verlassen. Es sollte anders kommen.
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In
dieser Uelser Zeit trafen sich unsere Wege und vielfach auch
gleiche Neigungen. Führt der Lebensweg den Gefährten der
Jugend außergewöhnlich hoch, so pflegt der Freund wohl
nachträglich zu sagen: schon damals in jungen Jahren zeigten sich
die Ansätze zu seinem späteren Wirken und seiner
Lebensarbeit. Hier, in diesem Falle darf ich es sagen. Mir erschien die
Fülle gärender Ideen, der scharfen Beobachtung und des klaren
Denkens bedeutungsvoll genug, vieles davon in meinen Aufzeichnungen -
für mich allein gedacht - niederzulegen. Es war mir eine Freude,
der Witwe des Verstorbenen auf deren Bitte hin diese Aufzeichungen zu
übergeben. Gestatten Sie mir als Beispiel eine Erinnerung:
am 12.9.1906 tagte in diesem Raum, der uns hier vereint, eine
Niedergrafschafter Lehrerkonferenz. Anläßlich eines
Vortrages über Deutschlands Entwicklung vom Agrar- zum modernen
Industriestaat geriet der junge Specht mit Hauptmann Staehle, dem
damaligen Leiter der Rektorschule, in ein heftiges Wortgefecht. Es war
wohl sein erstes politisches Hervortreten. Hier stieß die feudale
und die neue Zeit, das Althergebrachte und das Neuwerdende, hart
aufeinander, und keiner der Gegner wollte weichen. Es war viel Sturm
und Drang in dem revolutionären Kopf des jungen Lehrers. Schon
zeigte sich die Richtung, in die es gehen sollte.
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Zurückdenkend
an jene Zeit, schwebt mir Schillers Sinnspruch vor: "In den Ozean
hinaus schifft mit tausend Masten der Jüngling,
still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis." So sehr der
Vorsatz auf Spechts Leben zutrifft, so wenig der Nachsatz
in Schillers Distichon: mit tausend Masten ging´s hinaus, aber es
brach keiner. Immer neue Segel wurden gesetzt, immer mehr Last an Bord
genommen. Und nichts von dem Greis, der sich müde in den Hafen
rettet.
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Auf
der großen Fahrt hat Heinrich Specht mehrfach die Grafschaft
verlassen. Von Hesepe gings für kurze Zeit nach Hitzhausen bei
Osterkappeln, zum naturwissenschaftlichen Studium nach Jena zu den
Professoren Rein und dem alten Haeckel. Ungegorener Most drängte
nach Gärung und Reife. Der Blick ging in die Weite. Deutschland
kam mit Riesenschritten zur höchsten Machtentfaltung. Friedrich
Naumann predigte Mitteleuropa und das alte Kaisertum im neuen,
demokratischen Gewande. Da mitmarschieren, mitfahren zu neuen Ufern,
das war eine Lust zu leben!
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Das
war der fröhliche Unterton der Schüttorfer Jahre vor dem
ersten Weltkrieg. Specht spürte, was ihn in der Grafschaft zu
halten drohte. Darum 1914 fort an das Lyzeum zu Emden. Der Seewind, vom
Weltmeer kommend, kühlte ihm den heißen Kopf und ließ
ihn klar und nüchtern die Dinge sehen, die in gewaltigem Geschehen
abrollten.
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Als
ihn die Regierung 1917 als Rektor nach Altendorf-Nordhorn (siehe: B12) berief, folgte er dem Ruf und
verschrieb sich damit endgültig dem Vechteländchen, dem
fortan seine Lebensarbeit galt.
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Mit dem Heimatverein war
Specht schon in der Schüttorfer Zeit in
Berührung gekommen. Viele seiner Gründer, Cordes-Bentheim,
Dr. Regenbogen-Uelsen, Neumann-Hofer-Schüttorf, Pastor
Maschmeyer-Emlichheim und D. Lögters-Gildehaus, starben in kurzer
Folge nacheinander. Als dann 1925 Direktor Grashoff nach Hannover
verzog, wählte der Verein Heinrich Specht zu seinem Vorsitzenden.
Er hat ihn mithin 27 Jahre geleitet. Diese Zeit rastlosen Strebens wird
in der Geschichte des Vereins nicht wegzudenken sein.
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In der wechselvollen
deutschen Geschichte dieser Jahre, nach Krieg und
Niederlagen, sucht der strebsame Altendorfer Rektor immer wieder
Erneuerung und Auferstehen aus dem Heimatgedanken. "Hier sind die
starken Wurzeln deiner Kraft!" Es war der Gedanke, der in seinem
Täuferroman "Heil´ge Feuer" zur starken treibenden Idee
wurde. Nicht den Boden unter den Füßen verlieren, sich nicht
willen-, würde- und wesenlos mit den Massen treiben lassen und
mitschwärmen, nein, denken und arbeiten, den Acker pflügen,
aus dem neue Kräfte wachsen - das war ihm, der aus
niedersächsischem Bauernhause stammte, des Schweißes der
Edlen wert.
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Mit den besten Gaben
ausgerüstet, verfolgte der Verstorbene
konsequent dieses Ziel. Und er wusste diese Gaben zu gebrauchen in Wort
und Schrift. Er wusste sie einzusetzen, wenn die Stunde es erforderte,
an jeder Stelle, sei es bei der Gründung des Kreiskrankenhauses,
der Oberschule, in der Grenzlandfrage, ganz gleich, ob es galt,
Stresemann oder Ministerpräsident Kopf für seine Pläne
zu gewinnen. Seine Arbeit erschöpfte sich nicht in
Vereinsversammlungen und Fahrten, an die gewiss Hunderte dankbar
zurückdenken, er wirkte über die Grenzen hinaus. Jede
Gelegenheit nahm er wahr, die gerissenen Fäden mit unsern
holländischen Nachbarn wieder anzuknüpfen. So wurde von jener
Seite der Wunsch an uns herangetragen, ihr in diesem Jahrbuch
Gelegenheit zu geben, den Verschiedenen in holländischem Licht zu
zeigen (siehe: Jahrbuch 1953, Seite 21).
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An dieser Stelle sein Wirken
im Kreis- und Landtag zu schildern, ist
nicht meine Aufgabe. Wenn nicht unmittelbar, so kam seine Arbeit aber
mittelbar stets seiner Wahlheimat Bentheim zugute.
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Sehr vielseitig war Spechts
schriftstellerische Tätigkeit.
Erinnert sei an die heimatlichen Sagen in der "Gläsernen Kutsche",
an die Erforschung des Heimatbodens, an die "Geschichte eines
Grenzkreises", an das gewaltige Nordhorner Stadtbuch, an die
Bücher über die Grafschafter Vogelwelt und die Niederjagd, an
den Täuferroman "Heil´ge Feuer" und das Wietmarscher
Urkundenbuch, an die ungezählten Beiträge im früheren
"Grafschafter" und den späteren Heimatkalendern. Der Verstorbene
hat damit eine Fundgrube geschaffen, aus der Forscher, Naturfreunde und
Volkswirtschaftler noch viele Jahre schöpfen werden.
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Ihm für die Fülle
der Arbeit in der Heimat zu danken, ist dem
Verein herzliches Anliegen.
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Ich sprach anfangs von dem
Schiff, das auf den Ozean eines reichen
Lebens hinausfuhr. Vielleicht hatte es sich wohl mit Arbeit
überladen. Aber wir erlebten es nicht, dass ein schwankendes Boot
müde einen Nothafen anlief. Das Greisenschicksal blieb dem immer
Schaffenden erspart. Heinrich Spechts Lebensschiff ging mit vollen
Segeln unter. Doch hatte es zuvor reiche Ernten eingebracht und seinen
Namen für alle Zeiten in die Geschichte unseres kleinen Landes
eingegraben. Wir danken dir dafür, Heinrich Specht!
Quelle: Jahrbuch des
Heimatvereins der Grafschaft Bentheim 1953, Seite
19
Eine
Rose für Heinrich Specht
Aktion der Literaturlandschaften
"Was wäre der Sommer ohne die
Flüge der Schwalben und was wäre das Land ohne die
Gräber der Dichter?" - Unter diesem Motto des Lyrikers Gottfried
Benn geht von Nordhorn aus zum zwölften Mal die Bitte an
kulturelle Einrichtungen und Literaturfreunde in Deutschland, am
kommenden Wochenende regionale Gräber von Dichtern und Denkern mit
einer Rose zu versehen.
In
der Grafschaft gilt die Ehrung in diesem Jahr dem ehemaligen
Nordhorner Rektor und langjährigen Vorsitzenden des
Heimatvereins Heinrich Specht (1885 bis 1952), dem Herausgeber und
Verfasser des umfangreichsten Werkes der Region.
1905 war der aus dem
Herfordischen gebürtige Junglehrer in der verträumten
Region des Westens des wilhelminischen Kaiserreiches eingetroffen,
deren Bewohner ein Berliner Politiker wenige Jahre zuvor
spöttisch-bewundernd als "Philosophen hinter dem Pflug"
bezeichnet hatte. Die stille Grafschaft mit ihren "Philosophen"
scheint dem jungen Mann sofort gefallen zu haben. Wie kein anderer
vor ihm erforschte und dokumentierte der zunächst in
Uelsen tätige Heinrich Specht ihre Geschichte und "besang"
ihre weitgehend unberührte Schönheit in Form eines
regionalen Schrifttums, "das wenige Landschaften Deutschlands
aufzuweisen haben" (Dr. Heinrich Voort 1985 zum 100-jährigen
Geburtstag von Heinrich Specht).
Neben dem späteren
Naturforscher und Historiker (Specht hatte später in Jena noch
einmal ein Studium aufgenommen) ist der Lyriker zu Unrecht fast
vergessen. Dabei beweist nicht nur das frühe Gedicht "Bei
Uelsen am Abend" - "Nun schläft das Dorf im
Abendfrieden / und Apfelblüten hüllen´s ein
..." - einen lyrischen Atem, der bis heute bezaubert.
Die
1979 geplante Wiederauflage von Spechts "Kriegspfingsten 1941"
erschienem Klassiker "Nordhorn - Geschichte einer Grenzstadt"
ließ die Diskussion um die Verflechtung des langjährigen
Vorsitzenden des Heimatvereins mit dem Dritten Reich aufleben. Dem
Geist der Zeit als Beamter in besonderer Weise verpflichtet, hatte
der seit 1917 amtiernde Rektor der Altendorfer Schule in Nordhorn
1940 unter dem Druck seiner Behörde einen Aufnahmeantrag in die
NSDAP gestellt, war jedoch bis Kriegsende "Kandidat"
geblieben, ohne den Mitgliedstatus zu erlangen. Die Partei traute dem
schon in der Weimarer Republik "auffälligen Demokraten"
wohl nicht recht über den Weg. So scheint es Specht gelungen zu
sein, trotz einer äußeren Pflichtanpassung an das
Regime
keinen Schaden an seiner Seele genommen zu haben. Der Leiter des
Osnabrücker Staatsarchivs Dr. Gerd Steinwascher weist 1996 in
einer Studie im Bentheimer Jahrbuch sogar Spechts Zugehörigkeit
zu einer bürgerlichen Widerstandsgruppe nach.
Mitglieder
und Freunde von "Literaturlandschaften" und Heinmatverein
treffen sich am Sonnabend, 9. Juni, um 15 Uhr im Eingangsbereich des
Friedhofs am Heseper Weg in Nordhorn, um Specht im Rahmen ihrer
bundesweiten Aktion mit einer Rose zu ehren. Nach der Würdigung
am Grabe wird der Heimatdichter Heinrich Kuiper in der Gaststätte
Neesen in Brandlecht bei Kaffee und Kuchen aus Spechts Werk
vortragen. Gedenkveranstaltung und Treffen sind öffentlich.
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Quelle: Grafschafter
Nachrichten, 7.6.2007
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