1) "Heimatdichtung der Grafschaft
Bentheim"
Quelle:
Bentheimer Jahrbuch 1986, Das Bentheimer
Land, Band 109,
Seite 5 - 6
Hinweis:
Der Lebenslauf von Ludwig Sager und eine
Auswahl aus seinen Werken ist abgedruckt in dem Buch "Heimatdichtung
der Grafschaft Bentheim", Das Bentheimer Land, Bd. 79, 3. Auflage 1989,
S. 65 - 96
Eine weitere Kurzbiographie findet sich in dem
Buch "Lage - Geschichte und Geschichten", 2009
2. Feingeist schreibt Geschichte
Zum 125. Geburtstag von Ludwig Sager
(+ 24. 5. 1970)
Von Irene Schmidt
- Quelle: GN, 24.1.2010
Der Geburtstag des Grafschafter Schriftstellers,
Heimatforschers und Dichters, Ludwig Sager, jährt sich am
25. Januar zum 125. Mal. Bekannt ist der ehemalige „Schulmeister“ vor
allem den heimatverbundenen Grafschaftern und der älteren
Generation. Doch es lohnt sich, heutzutage erneut auf Spurensuche zu
gehen.
Geboren wurde Ludwig Sager am 25. Januar 1886 in
Schüttorf. Dort verlebte er auch seine Kindheit, bevor er als
15-Jähriger nach Aurich ging, um sich zum Lehrer ausbilden zu
lassen. Als „Schulmeister“ – so bezeichnete er sich gerne selbst –
erteilte er Kindern in Getelomoor, in Uelsen, Lage und Neuenhaus die
ersten Lektionen im Lesen, Schreiben, Rechnen, in Heimat- und
Naturkunde. Manche seiner ehemaligen Schüler haben ihren Lehrer
von damals noch heute in guter Erinnerung.
Doch Sagers Bekanntheitsgrad reichte über seine
schulischen Aufgaben weit hinaus. Als passionierter Jäger
verfügte er über einen großen Fundus an Wissen
über die Grafschafter Tier- und Pflanzenwelt. Als Schriftsteller
verfasste er so manche Erzählung. Als Heimatforscher
beschäftigte er sich nicht nur mit Archiven und Quellen, er ist
auch einer der „Väter“ des Heimatvereins Grafschaft Bentheim, der
im vergangenen Jahr sein 100-jähriges Bestehen gefeiert hat.
Folgerichtig wurde er 1966 zum ersten Ehrenmitglied des Heimatvereins
ernannt. Zahlreiche Beiträge, vom ersten Heimatkalender 1926 bis
hin zu den Jahrbüchern, belegen Ludwig Sagers Engagement und seine
Heimatliebe.
Das Schreiben war jedoch seine besondere Leidenschaft.
Seine Erzählungen wie „Derkohm, der Sedanstürmer“ (1927), „De
Mann met dat groww Gesicht“ (1932), „Irrlichter im Grenzmoor“ (1954)
oder „Bei Hanekenfähr strömten die Wasser“ (1964)
gehören zu den bekannteren Werken. „Der Hirt von Neuenhaus“ (1932)
wurde sogar auf der Bad Bentheimer Freilichtbühne aufgeführt.
Seine Liebe zur Natur wurde nicht nur in den
Erzählungen deutlich, auch eine größere Anzahl von
Gedichten hat er ihr gewidmet. Dr. H. Heddendorp, der in der
„Grafschafter Schulgeschichte“ eine Biografie erstellt hat,
kommentierte das so: „Die Gedichte sind die Krönung seines
poetischen Schaffens; in ihnen ging er auch gerne den letzten Fragen
des Seins, des Lebens und des Vergehens nach und schloss dabei die ihm
vertraute Tierwelt ein. (...) Einst von Freunden nach dem Gang seines
Lebens gefragt, antwortete der Dichter: ,Die Stationen des Lebens
werden lebendig in Wort und Werk“. Und das widmete er auch seinen
Freunden und guten Bekannten, wie dem GN-Verleger und Zeitgenossen
Georg Kip (18. 06. 1889 - 09. 03. 1965), zu dessen 70. Geburtstag er
eigens ein Gedicht verfasste.
Viele seiner Erlebnisse und Gedanken vertraute der
gebildete und sensible Ludwig Sager seinen Tagebüchern an, die
heute von seinen Enkeln gehütet werden. Auszugsweise
veröffentlichte er jedoch auch Passagen in den Jahrbüchern
des Heimatvereins, um damit zur Bewahrung der Grafschafter Geschichte
beizutragen. Darin geht es nicht nur um die guten Erinnerungen.
So setzte sich Sager auch mit der Zeit des
Nationalsozialismus und seinen Auswirkungen auf die Grafschaft Bentheim
auseinander. Darin heißt es am 20. Februar 1943: „Gestern Aufruf
zum totalen Krieg, im Sportpalast (Berlin) stimmte die Jugend mit
frenetischem Beifall zu. Am 15. war ich bei Specht (Lehrer und
SPD-Politiker / MdL: 04. 01. 1885 - 18. 06. 1952), am 12. 2. Wilhelm
Frantzen (Künstler und Lehrer: 04. 06. 1900 - 07. 10. 1975) bei
mir, aus der Bretagne kommend: es tut gut, sich einmal
rückhaltlos, ohne Schleier, ohne Illusionen auszusprechen mit
Menschen, die den ganzen Ernst der Lage erkennen.“ Und am 26. Dezember
1943 schreibt er: „Wieder Weihnachten, das fünfte Mal im Kriege,
eingeleitet in den frühen Morgenstunden des 24. 12. durch
höllisches Luftkonzert, Angriffe auf Berlin und Leipzig. ,Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!’ Aus dem Geist von
Bethlehem kam diese Katastrophe nicht über die Menschen.“
Mit Sorge verfolgt Ludwig Sager das Schicksal von
Bekannten und seiner ehemaligen Schüler, wie in seinen
Kriegstagebüchern immer wieder deutlich wird, so wie am 13. Mai
1940: „Ich war heute bei den Freunden an der Grenze, wo Stacheldraht
die Menschen trennt, die von Jugend an Seite an Seite lebten und
arbeiteten. Für meinen jungen Freund H. J. B. kam die Einberufung
aus dem nun besetzten holländischen Gebiet um einen Tag zu
früh. (...) Er muss schießen und weiß auf der anderen
Seite seine Schulkameraden, mit denen er acht Jahre die Lager
Dorfschule besuchte.“
Ludwig Sager hatte das Glück, den Wiederaufbau
Deutschlands mitzuerleben. Seine Erfahrungen und den Verlust einiger
Bekannter und ehemaliger Schüler nahm der Feingeist und
Naturfreund als bittere Erfahrung mit, die manchmal in seinen Werken
ihren Niederschlag fand.
Nachtrag: Zum
125.Geburtstag von Ludwig Sager erscheinen in den Grafschafter
Nachrichten zwei Artikel:
"Feingeist schreibt Geschichte" von Irene Schmidt und
"Ludwigs Enkel erinnern sich: Opa - unser Held" von Dorothee Feldkamp,
Gustel Marjahn, geb. Meckelnburg, und Jürgen Sager
(GN, 24.1.2011).
3.
Ludwig Sager - Heimatfreund und Dichter
Zum 125.
Geburtstag des bekannten Grafschafter Pädagogen,
von
Helmut Lensing - Quelle: Der Grafschafter Nr. 10 Oktober 2011
Älteren
Grafschaftern ist Ludwig Sager noch ein Begriff, denn für
Jahrzehnte prägte er das Grafschafter Kulturleben und war
deshalb weit über die Grenzen des Kreises bekannt. Geboren wurde
der Gastwirtssohn am 25.Januar 1886 in Schüttorf. Zwar auf den
Namen Johann Louis getauft, setzte sich als Rufname jedoch mit "Ludwig"
die deutsche Version seines französischen Vornamens durch. Der
sehr gute Schüler verließ mit 15 Jahren seine Heimatstadt,
um sich in Aurich auf den Lehrerberuf vorzubereiten. Als
frischgebackener Lehrer kam Sager im April 1906 an die reformierte
Volksschule in Getelomoor, wechselte 1907 zur Uelser Kirchspielschule
und war anschließend von 1913 bis 1930 Hauptlehrer (Rektor) in
Lage.
Der beliebte Pädagoge kümmerte sich
außergewöhnlich intensiv um seine Schüler. Er
versuchte, durch neue Unterrichtsmethoden, Ausflüge oder durch die
Heranführung an Dichtung und Schauspiel den geistigen Horizont
seiner Schüler zu erweitern und sie aus der häufig geistigen
Enge infolge eines Lebens in einem verkehrsfernen Dorf und einer
abgeschiedenen Region herauszuführen. Ebenso förderte der
Junglehrer den Sport, der im Bentheimer Land seinerzeit noch ein
Nischendasein führte. So gehörte er zu dn Hauptinitiatoren
bei der Gründung des Sportvereins "Olympia Uelsen".
Der vielseitig interessierte Sager kam schon früh, noch in
Schüttorf, mit der Poitik in Berührung. Er wurde als Kind
dort Zeuge, wie die nationalsozialen Arbeiter, die vom linksliberalen
Hellmut von Gerlach organisiert worden waren, bei den Wahlen von den
Fabrikanten und Beamten unter Druck gesetzt wurden. Infolgedessen
engagierte er sich 1913 politisch in der Opposition gegen den
stock-konservativen Landrat Hermann Kriege, der den Druck
tatkräftig unterstützt hatte - und sah seinen Kandidaten
aufgrund des behördlichen Einwirkens ebenfalls scheitern. Diese
Erfahrungen prägten seine politische Haltung.
So schloss er sich nach der Revolution von 1918 der linksliberalen
"Deutschen Demokratischen Partei" (DDP) an, und bekämpfte vehement
als junger "Feuerkopf" , wie er rückblickend bekannte, die
"Pfaffen" und deren Einfluss etwa im Schulwesen oder in christlichen
Parteien.1930 Hauptlehrer der großen Neuenhauser evangelichen
Volksschule geworden, musste sich der Linksliberale nach der
NS-Machtergreifung politisch stark zurückhalten.
Äußerlich soweit mitarbeitend , dass seine berufliche
Stellung nicht gefährdet wurde, engagierte sich Sager zunehmend in
der "Bekennenden Kirche". Seine später ausschnittsweise
veröffentlichten Tagebucheintragungen zeigen ihn als wachen
Beobachter des politischen Zeitgeschehens, der nicht verschweigt, dass
auch ihn als durchaus vaterländisch gesinnten Deutschen einige
Zeitereignisse zeitweilig mitrissen.
Seine wachsende Verwurzelung im christlichen Glauben, seine Abneigung
gegen die "Deutschen Christen" und die Versuche des NS-Staats, die
Kirchen zu gängeln und das Glaubensgut zu verfälschen,
hinderten ihn jedoch daran, sich dem Regime allzusehr anzunähern.
Anfang 1937 wurde Sager auf eigenen Antrag aus der SA entlassen. Er
weigerte sich überdies, aus der Kirche auszutreten, was seinerzeit
vielen Pädagogen nahegelegt wurde. So erhielt er nicht das
Zertifikat als "Hitlerjugendführer".
Trotzdem blieb der Schulleiter unbehelligt. Möglicherweise
schützte ihn ein wenig sein großer Bekanntheitsgrad. Der
passionierte Naturfreund und Jäger betätigte sich früh
als Dichter und Heimatforscher. Seit 1932 im Vorstand des Grafschafter
Heimatvereins, prägte er rund drei Jahrzehnte wesentlich dessen
Erscheinungsbild. Bereits 1913 erschien seine erste
heimatgeschichtliche Veröffentlichung in der Grafschafter Presse.
Sager sammelte unermüdlich Sagen, überlieferte Geschichten
oder Volkserzählungen, die er nicht nur für den Unterricht
nutzte, sondern auch in Gedichten und Schauspielen verarbeitete.
Besonders populär wurde sein Schauspiel "Der Hirte von Neuenhaus",
das die Bentheimer Freilichtbühne 1932 mit großem Erfolg
aufführte. Seine Werke druckten zunächst Zeitungen ab, dann
publizierte er auch im "Grafschafter Heimatkalender" und dessen
Nachfolger, dem "Jahrbuch der Heimatvereins der Grafschaft Bentheim",
sowie im "Grafschafter". Jahrzehntelang erschien kaum eine Folge dieser
Reihen ohne einen Beitrag von Ludwig Sager. 1949 in den Ruhestand
gegangen, intensivierte Sager seine schriftstellerischen und
heimatgeschichtlichen Bemühungen. Seine hoch- und plattdeutschen
Gedichte, die seiner Naturverbundenheit Ausdruck verliehen,
geschichtliche Themen aufgriffen oder sich mit den tieferen Fragen des
menschlichen Daseins auseinandersetzten, wurden teilweise vertont und -
in Gedichtsbänden veröffentlicht - regional bekannt.
Vielen Grafschaftern ein Begriff wurde der Neuenhauser außerdem
durchzahlreiche Naturführungen im Namen des Heimatvereins und
infolge seiner freien Mitarbeit beim "Sonntagsblatt für
evangelisch-reformierte Gemeinden". War er schon vor der NS-Zeit
als Linksliberaler im seinerzeit durch und durch konservativen Vorstand
des Grafschafter Heimatvereins ein politischer Außenseiter
gewesen, so überraschte er 1961 durch ein Plädoyer zugunsten
des SPD-Politikers Willy Brandt, der nicht nur im Bentheimer Land unter
Sagers protestantischen Glaubensgenossen einen schweren Stand wegen
seiner marxistisch-atheistischen Vergangenheit hatte.
Die SPD war seinerzeit im Bentheimer Land eine nahezu
ausschließlich auf die städtische Arbeiterschaft
beschränkte Partei. Sager verglich Brandt mit dem großen
Neuenhauser Bürger Johannes (von) Miquel (!828 - 1901), der als
junger Idealist Atheist und Marxist gewesen war, später aber
geläutert wurde, zum Glauben zurückfand und segensreich als
Reichsfinanzminister gewirkt habe. Aufgrund der vielfältigen
Verdienste Sagers blieben Ehrungen nicht aus.
Der Grafschafter Heimatverein, der ihm so viel zu verdanken hatte,
ernannte beispielsweise den volkstümlichen Neuenhauser 1966 zu
seinem ersten Ehrenmitglied. Sagers Gedichte und Erzählungen sind
inzwischen größtenteils in Vergessenheit geraten, keineswegs
immer zu recht. Viele wären es wert, durch einen Neuabdruck wieder
in Erinnerung gerufen zu werden.