Grafschafter Schulgeschichte

Volksschule Gildehaus

ca. 1900

Burggymnasium

Bad Bentheim 2006

Ehem. Mittelschule

Bad Bentheim ca. 1970

Missionsgymnasium

Bardel 1998

Schule Achterberg

ca. 1935

Volksschule Holt und Haar 1958

 Einzelbericht zur Schulgeschichte in Bad Bentheim

Bildung bringt Licht in unser Leben
350 Jahre im Dienste der Öffentlichkeit: Schule - Rathaus - Museum   /   Gildehaus feiert ein historisches Gebäude

von Heinrich Voort

"DOCTRINA  LVMEN"  - "Lehre ist Licht", so steht es in großen Lettern eingemeißelt an der ganz aus Sandsteinquadern aufgemauerten zentralen Schaufront der einstigen Kirchspielschule von Gildehaus am Neuen Weg. Einige Buchstaben sind größer geraten als der Rest, sie stellen römische Zahlzeichen dar, ein sogenanntes Cronogramm. Zusammen gerechnet ergeben sie die Jahreszahl 1656, das Baujahr. 
Am 24. Januar 1655 hatte Graf Ernst Wilhelm zu Bentheim den Vorstehern und Provisoren zu Gildehaus, also den für die Finanzen der politischen und der kirchlichen Gemeinde Verantwortlichen gestattet, "eine Newe Schule aufm Schmedes Kamp, als Pastorn Grundt, halbwegs dem Dorf und Mersch, aufzuzimmern". Die Baukosten sollten vom ganzen Kirchspiel aufgebracht werden, der Graf stellte eine Beihilfe in Aussicht.

Ein Jahr später war das Gebäude fertig. Unterhalb des großen in Stein gehauenen Wappens der Grafen zu Bentheim als Landesherrn wird das Baujahr durch je zwei Ziffern wiederholt, die links und rechts eine zweite ebenfalls lateinische Inschrift begleiten. Sie nennt die Zweckbestimmung des Gebäudes und verrät das Bildungsideal der Schule jener Zeit: SCHOLA SEMINARIUM  PIAE  ECCLESIAE  ET  BONAE  REI  PUBLICAE - zu Deutsch: Die Schule ist die Pflanzstätte einer frommen Kirche und eines guten Staates. Schule war damals und lange später noch in erster Linie Sache der Kirche.

Es ist ein architektonisches Juwel von großer Schlichtheit, das uns der ungenannte Baumeister mit diesem Gebäude hinterlassen hat. Wenn mn bedenkt, dass im 17. Jahrhundert mehrere Gildehauser Baumeister dem Weg des in den Steinbrüchen vor Ort gebrochenen und vor allem in die durch den Kolionalhandel reichen Städte der Niederlande exportierten Sandsteins folgten und dort am Bau bedeutender Profanbauten beteiligt waren, dann darf man wohl davon ausgehen, dass einem von ihnen der Entwurf für die Gildehauser Schule zu verdanken ist. Mit sicherem Gefühl für Stil und Harmonie des Bauwerkes hat er einen für seine Zeit in der Grafschaft Bentheim ungewöhnlich repräsentativen Bau geschaffen.

Etwa 8,8 Meter lang ist die ursprüngliche Frontseite, die unten eine mittige Tür mit zwei hohen oben rundbogig endenden Fenstern und im Stockwerk darüber drei etwas schmalere Fenster aufweist. Das Bauwerk besticht mit seiner klaren vertikalen und durh Plinten und Blockfugen betonten horizontalen Gliederung, der sich auch das mit leichter Neigung zurücktretende gewalmte Dach unterordnet. Die Symmetrie des Gebäudes von 1656 findet ihre Fortsetzung in den beiden weit später angebauten Seitenflügeln. Diese verstärken den Eindruck der Ebenmäßigkeit, sie treten optisch zurück durch ihren leicht nach hinten versetzten Quadersockel mit dem darauf gesetzten einstöckigen Ziegelmauerwerk. Auch sie wiederholen spiegelbildlich die gliedernden Elemente Tür und Fenster, sogar ihr Dach neigt sich gegen den Zentralbau, hebt ihn damit hervor.

Diese Aufnahme entstand im frühen 20. Jahrhundert. Die Ansicht hat sich bis heute kaum verändert.

Neben seiner Funktion als Schule hat der Landesherr 1655 dem Gebäude eine Aufgabe zugewiesen, die als Vorrecht zu werten ist, sollte darin doch eine öffentliche Waage aufgestellt werden. Es versteht sich, dass die Gemeindevertretung das schöne Gebäude auch für ihre Sitzungen benutzte. Schon von 1685 ist der Beschluss überliefert, dass der Vorsteher von Dorf und Mersch  bei Bedarf sich "op den behorigen Ordt auff die Schüele" versammeln sollten. Rathaus im eigentlichen Sinne war es nicht, denn nur Städte hatten einen Rat als kommunale Vertretung.

Gleichwohl setzte sich in Gildehaus seit 1686 mehr und mehr anstatt des bei nichtstädtischen Kommunen üblichen Begriffes Vorsteher für die in den beiden Ortsteilen gewählten Vertreter der Ausdruck Bürgermeister durch. Das entsprach ihrem im neuen Selbstverständnis beruhenden gestiegenen Anspruch auf Repräsentation. So wurde Gildehaus auch in der Öffentlichkeit wahrgenommen, wenn etwa eine 1754 verfertigte Kartenskizze das Gebäude von "Rahthaus und Schule" wiedergibt. Die neue Selbsteinschätzung äußert sich auch 1806, als die beiden Bürgermeister die ganze "Bürgergemeente" zu einer Versammlung zusammenriefen, wohl in Abgrenzung von den Bauernschaften, um über die Berufung eines Schulmeisters und eines Küsters zu beraten. Diese Versammlung sollte "op onze RaadHuys (:de School:)" stattfinden. Es ist sicher bezeichnend, dass es dabei noch als notwendig erachtet wurde, das Rathaus als identisch mit der Schule zu präzisieren.

1846 wurden 222 schulpflichtige Kinder von einem Schulmeister und einem Hilfslehrer unterrichtet, wohl im Schichtbetrieb. Das Schulgebäude umfasste ein Klassenzimmer mit einer Größe von 12,85 mal 7,8 Metern Innenmaß. Kein Wunder, dass es bald vergrößert worden ist und zwei getrennte Klassenräume eingerichtet wurden.

Angesichts weiter gestiegener Einwohnerzahlen und größer werdender Schülerzahlen musste 1862 ein zweites Schulgebäude hiner dem alten und wenige Jahrzehnte später (1892) eine zweites Schulgebäude an der Mühlenstraße gebaut werden. Auch im politischen Leben gab es Fortschritt. Gildehaus erhielt 1869 eine Magistratsverfassung mit Bürgermeister und Rat, was mit mehr Kompetenzen und mit mehr Verwaltung einherging und eine Personalaufstockung zur Folge hatte. Nach der organisatorischen und finanziellen Trennung der Bauerschaften von der Gildehauser Kirchspielschule im Jahre 1895 vollzog sich ein Funktionswandel für die frühere Schule am Neuen Weg. Nicht zuletzt wegen Baufälligkeit wurde 1897 das Schulhaus umgebaut und neuzeitlichen Bedürnissen angepasst. Die Handwerkerrechnungen lassen erkennen, dass  Arbeiten in "3 Zimmer (im) Rathhaus" sowie im "StandesamtsZimmer" anfielen.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges brannte nach Beschuss durch die Alliierten Truppen die zweite Schule hinter dem Rathaus ab - in kaum vorstellbarer Enge drängten sich die Schüler nun auch wieder in der alten Rathausschule. Auch die Kommunalverwaltung musste zusammenrücken. Entlastung brachte erst ein Schulneubau, der sich bald zum Schulzentrum für ein weites Einzugsgebiet entwickelte, so dass das Rathaus fortan allein der Politik und der Verwaltung diente.

Ungemach für das Gildehauser Rathaus kam von ganz anderer Seite. Durch die lange kontrovers diskutierte aber schließlich 1974 umgesetzte Kommunalreform wurde die bisher selbstständige Gemeinde Gildehaus nach Bentheim eingemeindet. Das bedeutete eine Zusammenlegung der Kommunalverwaltungen. Am 1. März 1974 wurden Akten und Möbel aus dem Gildehauser Rathaus nach Bentheim geschafft. Ein neuer Abschnitt begann für das historische unter Denkmalschutz stehende Gebäude. Nutzungskonzepte mussten entwickelt werden. Einstweilen bot es Unterkunft für Musikschule und im Obergeschoss für die Bestände der vor allem von der Jugend genutzten städtischen Bücherei.

Als die Zweigstelle der Sparkasse Gildehaus 1994 einen Neubau an der Stelle  des alten Gebäudes errichten wollte, fand sie vorübergehend Platz im Alten Rathaus. Nach ihrem Auszug im Jahre 1996 bot es dem Otto-Pankok-Museum auf Dauer ein Heim. Drei große Ausstellungsräume, Abstellplatz für die Technik und Raum für Sanitäreinrichtungen stehen zur Verfügung. Im Obergeschoss wurde ein Sitzungszimmer für den Verein eingerichtet und Raum für das alte Magistratsarchiv geschaffen.

Damit hat das alte traditionsreiche Gebäude wieder eine Verwendung gefunden, die im weitesten Sinne vermittelt. Nicht nur Ausstellungen zeitgenössischer Maler, die immer wieder mit themengebundenen Präsentationen von Werken des namengebenden Künstlers wechseln, auch Beispiele örtlicher Handwerkskunst konnten hier schon vorgestellt werden, so wie Möbel eines Kunstschreiners und die Zeichnungen und Skizzen einer Baumeisterfamilie. Zahlreiche Vorträge und Dichterlesungen bereicherten das Programm nun schon während zehn Jahren. Damit hat auch der Leitspruch über der Eingangstür des Gebäudes wieder einen Sinn bekommen: Doctrina Lumen  - frei übersetzt: Bildung bringt Licht in unser Leben.

Quelle: Heinrich Voort. "Bildung bringt Licht in unser Leben", GN-Journal am Wochenende, 7.10.2006

                          

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