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Bildung bringt Licht in
unser Leben
350 Jahre im Dienste der Öffentlichkeit: Schule - Rathaus -
Museum / Gildehaus feiert ein historisches Gebäude
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von Heinrich Voort
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"DOCTRINA
LVMEN" - "Lehre ist Licht", so
steht es in großen Lettern eingemeißelt an der ganz aus
Sandsteinquadern aufgemauerten zentralen Schaufront der einstigen
Kirchspielschule von Gildehaus am Neuen Weg. Einige Buchstaben sind
größer geraten als der Rest, sie stellen römische
Zahlzeichen dar, ein sogenanntes Cronogramm. Zusammen gerechnet ergeben
sie die Jahreszahl 1656, das Baujahr.
Am 24. Januar 1655 hatte Graf Ernst Wilhelm zu Bentheim den Vorstehern
und Provisoren zu Gildehaus, also den für die Finanzen der
politischen und der kirchlichen Gemeinde Verantwortlichen gestattet,
"eine Newe Schule aufm Schmedes Kamp, als Pastorn Grundt, halbwegs dem
Dorf und Mersch, aufzuzimmern". Die Baukosten sollten vom ganzen
Kirchspiel aufgebracht werden, der Graf stellte eine Beihilfe in
Aussicht.
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Ein Jahr später war das Gebäude fertig. Unterhalb des
großen in Stein gehauenen Wappens der Grafen zu Bentheim als
Landesherrn wird das Baujahr durch je zwei Ziffern wiederholt, die
links und rechts eine zweite ebenfalls lateinische Inschrift begleiten.
Sie nennt die Zweckbestimmung des Gebäudes und verrät das
Bildungsideal der Schule jener Zeit: SCHOLA SEMINARIUM PIAE
ECCLESIAE ET BONAE REI PUBLICAE - zu Deutsch:
Die Schule ist die Pflanzstätte einer frommen Kirche und eines
guten Staates. Schule war damals und lange später noch in erster
Linie Sache der Kirche.
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Es ist ein architektonisches Juwel von großer Schlichtheit, das
uns der ungenannte Baumeister mit diesem Gebäude hinterlassen hat.
Wenn mn bedenkt, dass im 17. Jahrhundert mehrere Gildehauser Baumeister
dem Weg des in den Steinbrüchen vor Ort gebrochenen und vor allem
in
die durch den Kolionalhandel reichen Städte der Niederlande
exportierten Sandsteins folgten und dort am Bau bedeutender
Profanbauten beteiligt waren, dann darf man wohl davon ausgehen, dass
einem von ihnen der Entwurf für die Gildehauser Schule zu
verdanken
ist. Mit sicherem Gefühl für Stil und Harmonie des Bauwerkes
hat er einen für seine Zeit in der Grafschaft Bentheim
ungewöhnlich repräsentativen Bau geschaffen.
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Etwa 8,8 Meter lang ist die ursprüngliche Frontseite, die unten
eine mittige Tür mit zwei hohen oben rundbogig endenden Fenstern
und im Stockwerk darüber drei etwas schmalere Fenster aufweist.
Das
Bauwerk besticht mit seiner klaren vertikalen und durh Plinten und
Blockfugen betonten horizontalen Gliederung, der sich auch das mit
leichter Neigung zurücktretende gewalmte Dach unterordnet. Die
Symmetrie des Gebäudes von 1656 findet ihre Fortsetzung in den
beiden weit später angebauten Seitenflügeln. Diese
verstärken den Eindruck der Ebenmäßigkeit, sie treten
optisch zurück durch ihren leicht nach hinten versetzten
Quadersockel mit dem darauf gesetzten einstöckigen
Ziegelmauerwerk.
Auch sie wiederholen spiegelbildlich die gliedernden Elemente Tür
und Fenster, sogar ihr Dach neigt sich gegen den Zentralbau, hebt ihn
damit hervor.
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Diese
Aufnahme entstand im frühen 20. Jahrhundert. Die Ansicht hat sich
bis heute kaum verändert.
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Neben seiner Funktion als Schule hat der Landesherr 1655
dem
Gebäude eine Aufgabe zugewiesen, die als Vorrecht zu werten ist,
sollte darin doch eine öffentliche Waage aufgestellt werden. Es
versteht sich, dass die Gemeindevertretung das schöne Gebäude
auch für ihre Sitzungen benutzte. Schon von 1685 ist der Beschluss
überliefert, dass der Vorsteher von Dorf und Mersch bei
Bedarf sich "op den behorigen Ordt auff die Schüele" versammeln
sollten. Rathaus im eigentlichen Sinne war es nicht, denn nur
Städte hatten einen Rat als kommunale Vertretung.
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Gleichwohl setzte sich in Gildehaus seit 1686 mehr und mehr anstatt des
bei nichtstädtischen Kommunen üblichen Begriffes Vorsteher
für die in den beiden Ortsteilen gewählten Vertreter der
Ausdruck Bürgermeister durch. Das entsprach ihrem im neuen
Selbstverständnis beruhenden gestiegenen Anspruch auf
Repräsentation. So wurde Gildehaus auch in der Öffentlichkeit
wahrgenommen, wenn etwa eine 1754 verfertigte Kartenskizze das
Gebäude von "Rahthaus und Schule" wiedergibt. Die neue
Selbsteinschätzung äußert sich auch 1806, als die
beiden Bürgermeister die ganze "Bürgergemeente" zu einer
Versammlung zusammenriefen, wohl in Abgrenzung von den Bauernschaften,
um über die Berufung eines Schulmeisters und eines Küsters zu
beraten. Diese Versammlung sollte "op onze RaadHuys (:de School:)"
stattfinden. Es ist sicher bezeichnend, dass es dabei noch als
notwendig erachtet wurde, das Rathaus als identisch mit der Schule zu
präzisieren.
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1846 wurden 222 schulpflichtige Kinder von einem Schulmeister und einem
Hilfslehrer unterrichtet, wohl im Schichtbetrieb. Das Schulgebäude
umfasste ein Klassenzimmer mit einer Größe von 12,85 mal 7,8
Metern Innenmaß. Kein Wunder, dass es bald vergrößert
worden ist und zwei getrennte Klassenräume eingerichtet wurden.
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Angesichts weiter gestiegener
Einwohnerzahlen und größer
werdender Schülerzahlen musste 1862 ein zweites Schulgebäude
hiner dem alten und
wenige Jahrzehnte später (1892) eine zweites Schulgebäude an
der
Mühlenstraße gebaut werden. Auch im politischen Leben gab es
Fortschritt. Gildehaus erhielt 1869 eine Magistratsverfassung mit
Bürgermeister und Rat, was mit mehr Kompetenzen und mit mehr
Verwaltung einherging und eine Personalaufstockung zur Folge hatte.
Nach
der organisatorischen und finanziellen Trennung der Bauerschaften von
der Gildehauser Kirchspielschule im Jahre 1895 vollzog sich ein
Funktionswandel für die frühere Schule am Neuen Weg. Nicht
zuletzt wegen Baufälligkeit wurde 1897 das Schulhaus umgebaut und
neuzeitlichen Bedürnissen angepasst. Die Handwerkerrechnungen
lassen erkennen, dass Arbeiten in "3 Zimmer (im) Rathhaus" sowie
im "StandesamtsZimmer" anfielen.
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Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges brannte nach Beschuss durch die
Alliierten Truppen die zweite Schule hinter dem Rathaus ab - in kaum
vorstellbarer Enge drängten sich die Schüler nun auch wieder
in der alten Rathausschule. Auch die Kommunalverwaltung musste
zusammenrücken. Entlastung brachte erst ein Schulneubau, der sich
bald zum Schulzentrum für ein weites Einzugsgebiet entwickelte, so
dass das Rathaus fortan allein der Politik und der Verwaltung diente.
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Ungemach für das Gildehauser Rathaus kam von ganz anderer Seite.
Durch die lange kontrovers diskutierte aber schließlich 1974
umgesetzte Kommunalreform wurde die bisher selbstständige Gemeinde
Gildehaus nach Bentheim eingemeindet. Das bedeutete eine Zusammenlegung
der Kommunalverwaltungen. Am 1. März 1974 wurden Akten und
Möbel aus dem Gildehauser Rathaus nach Bentheim geschafft. Ein
neuer Abschnitt begann für das historische unter Denkmalschutz
stehende Gebäude. Nutzungskonzepte mussten entwickelt werden.
Einstweilen bot es Unterkunft für Musikschule und im Obergeschoss
für die Bestände der vor allem von der Jugend genutzten
städtischen Bücherei.
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Als die Zweigstelle der Sparkasse Gildehaus 1994 einen Neubau an der
Stelle des alten Gebäudes errichten wollte, fand sie
vorübergehend Platz im Alten Rathaus. Nach ihrem Auszug im Jahre
1996 bot es dem Otto-Pankok-Museum auf Dauer ein Heim. Drei große
Ausstellungsräume, Abstellplatz für die Technik und Raum
für Sanitäreinrichtungen stehen zur Verfügung. Im
Obergeschoss wurde ein Sitzungszimmer für den Verein eingerichtet
und Raum für das alte Magistratsarchiv geschaffen.
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Damit hat das alte traditionsreiche Gebäude wieder eine Verwendung
gefunden, die im weitesten Sinne vermittelt. Nicht nur Ausstellungen
zeitgenössischer Maler, die immer wieder mit themengebundenen
Präsentationen von Werken des namengebenden Künstlers
wechseln, auch Beispiele örtlicher Handwerkskunst konnten hier
schon vorgestellt werden, so wie Möbel eines Kunstschreiners und
die Zeichnungen und Skizzen einer Baumeisterfamilie. Zahlreiche
Vorträge und Dichterlesungen bereicherten das Programm nun schon
während zehn Jahren. Damit hat auch der Leitspruch über der
Eingangstür des Gebäudes wieder einen Sinn bekommen: Doctrina
Lumen - frei übersetzt: Bildung
bringt Licht in unser Leben.
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Quelle: Heinrich Voort. "Bildung bringt Licht in unser Leben",
GN-Journal am Wochenende, 7.10.2006
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