Eine
Aufbauschule nach der Grafschaft Bentheim
von Heinrich Specht, Der Grafschafter 11. Februar
1922
Im
Abgeordnetenhause unterhielt
man sich vor einiger Zeit über Schulfragen. Im Verlauf der
anregenden Aussprache gab der Minister Becker bekannt, dass man mit
dem Abbau der Seminare begonnen habe und diese in einigen
Jahren ganz verschwinden sollten, was auf allen Bänken lebhaften
Beifall fand. Gleichzeitig teilte er mit, dass der Staat einen neuen
Typ der Oberschulen in der sogenannten deutschen Aufbauschule
schaffen und in dieser strebsame Schüler nach Vollendung des 13.
Lebensjahres in fünf bzw. sechs Jahren bis zur
Universitätsreife
bringen wolle. Zunächst sollen 50 Aufbauschulen zum 1. April des
Jahres ins Leben treten und zwar in Kleinstädten, die keine
höhere Schule besitzen und weitab von Gymnasialorten
liegen, damit das Land als Rekrutierungsgebiet erhalten bleibt.
Die
Grafschaft Bentheim steht dieser Entwicklung nicht uninteressiert
gegenüber. Sie blieb in Bezug auf höhere Schulen bisher das
Stiefkind der Regierung. Nur einmal beherbergte eine Grafschafter
Stadt (Schüttorf 1591) eine höhere Schule in ihren Mauern
und dann niemals wieder. Viele Gemeinwesen in nächster
Nachbarschaft waren und sind glücklicher daran als unsere
größeren Orte. Man denke an Rheine, Lingen, Meppen,
Papenburg und Gronau z. B., eine Stadt von 13.000 Einwohnern (also kaum
volkreicher als Groß-Nordhorn) besitzt ein humanistisches
Gymnasium, eine Real- und Oberrealschule, ein Lyzeum, ein Oberlyzeum;
Hameln, eine Stadt von 22.000 Einwohnern, ein humanistisches Gymnasium,
ein Reformgymnasium, ein Lyzeum, ein Oberlyzeum, eine Präparande
und ein Seminar. und unsere engere Heimat mit 44.000 Eingesessenen und
großen Entwicklungsmöglichkeiten infolge der rasch
fortschreitenden Kultivierung der Oedländereien und des
Aufblühens seiner Textilindustrie - nichts von alledem. Nur gut
bemittelte Bürger und Bauern vermochten bisher von hier aus
ihre Kinder mit außerordentlichem Kraftaufwande in eine
höhre Bildungsschicht zu projizieren. In der Niedergrafschaft
genossen wegen der völlig unzulänglichen
Schulverhältnisse nicht einmal 1 % aller schulpflichtigen Kinder
eine etwas weiterführende Bildung als die Volksschule vermitteln
kann, und fast alle im Kreis tätien Pfarrer, sehr viele Lehrer
usw. entstammen nicht der Gegend.
In nächster Nähe löst die
Regierung nun drei Lehrerbildungsanstalten auf, zwei in Osnabrück
und eine in Aurich. Die genannten Städte sind mit höheren
Schulen genügend versorgt und erhalten deshalb keine Aufbauschule.
Der Staat spart dort also bedeutende Summen. Wir erwarten nun auf das
Bestimmteste,dass er sich diesmal unseres abgelegenen Landteils
erinnert und in Neuenhaus oder Nordhorn für die heranwachsende
Jugend eine Aubauschule errichtet. Sie tut uns bitter not. Wer kann
sonst in Zukunft von der Mittel- und Niedergrafschaft noch Kinder zu
höheren Schulen schicken?
Die Volksschule hat nach 1870 die
Grafschaft Bentheim für die deutsche Spache zurückerobert und
sich bemüht, sie zur lebendigen Zelle im Reichskörper zu
machen. Ein Aufbauschule könnte im Grenzbezirk in dieser Beziehung
noch Wesentliches leisten. Ihre Gründung wäre eine nationale
Tat!
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