Die
Ein-Klassen-Schule
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von Horst
Wetterling
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Zum
Verfasser:
Professor
Horst Wetterling, 1915 in
Magdeburg geboren, hatte seit 1952 den
Lehrstuhl für allgemeine Pädadagogik in Osnabrück inne.
Bis 1946 war er
im Schuldienst.
In der
Wochenzeitung "Die Zeit" erschien am 2. November 1962 ein
Artikel von ihm: "Stiefkind Volksschule". Hierin beschreibt er, wie die
Arbeit
in der weniggegliederten Landschule, der Ein-Klassen-Schule,
abläuft..
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Der
Text
"Erwartungsvoll
schauen
die
Kinder ihren Lehrer an. Er weiß aber, daß er ihren
Erwartungen nicht genügen kann. Die Kinder wollen etwas von der
Welt erfahren, in die sie hineinwachsen, von der Wirtschaft und der
Politik, von Technik und Geschichte, von der Ordnung menschlichen
Miteinanders und von den Überzeugungen, denen die Erwachsenen bei
ihrem Tun folgen. Er aber weiß, daß er ihnen manche
Unterrichtung schuldig bleiben muß. Im 20. Jahrhundert muß
er sich mit Umständen abfinden, die schon zur Zeit des Alten Fritz
die Regel waren.
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Rechnen steht auf dem
Stundenplan. Dem Lehrer steht jetzt eine schwierigere Aufgabe bevor,
als
alle Rechenoperationen sie bieten können. Vor ihm sitzen
nämlich 37 Kinder aus allem Altersstufen der Volksschulpflicht. In
der eben beginnenden Stunde muß er folgende Aufgabe lösen:
Fünf Kindern aus dem 1. Schuljahr muß er in der Kunst
unterweisen, zwei und drei zusammenzuzählen. Sieben Kindern aus
dem 2. Schuljahr muß er beibringen, wie man beim
Zusammenzählen die Hundert überschreitet. Vierzehn Kindern
aus dem 3. und 4. Schuljahr muß er zeigen, wie man
größere Zahlen schriftlich teilt. Sieben Kindern aus dem 5.
und 6. Schuljahr muß er erklären, was es mit einem Bruch auf
sich hat. Vier Kindern aus dem 7. und 8. Schuljahr muß er in die
Geheimnisse der Prozentrechnung einweisen.
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Was bleibt ihm anders
übrig
als folgender Weg? Er schreibt Seitenzahlen aus dem Rechenbuch an die
Wandtafel. Jede der fünf Gruppen findet auf ihrer Seite Aufgaben
für die "Stillbeschäftigung". Während vier
Gruppen dann ihre Kunst dann an den bezeichneten Aufgaben erproben,
zeigt er der fünften in zehn Minuten einen neuen Schritt. Dann
wendet er sich einer anderen Gruppe zu, während die übrigen
vier wiederum unruhig und leise schwatzend "Stillarbeit" betreiben. So
geht es Tag für Tag im mutterspachlichen Unterricht und im
Rechnen. .Wenn der Lehrer mit den Kindern der Oberstufe - immer noch
Kindern aus vier Schuljahren - Vorgänge aus der Geschichte oder
Sachverhalte aus der Erdkunde, der Naturkunde, der Physik, der Chemie
und der Gegenwart behandeln will, so muß er dazu an einigen Tagen
der Woche die erste Stunde des Vormittags nehmen. Dann kommen die
jüngeren Kinder eben ein Stunde später.
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So ist es an einer
einklassigen Schule auf dem Lande. In der zweiklassigen Schule sind die
Verhältnisse nicht wesentlich anders. Hier verzehrt sich die Kraft
gebildeter und gewissenhafter Menschen beim Versuch, eine
unlösbare Aufgabe zu bewältigen..Während für die
Herstellung von Transistoren und Kugellagern zweckmäßige
Verhältnisse geschaffen wurden,die verfeinerte Fertigungsweisen
ermöglichen, müssen sie sich bei der Erziehung und
Unterweisung deutscher Kinder in Verhältnisse aus
Urvätertagen schicken, die jeden Versuch vereiteln, Methoden zu
folgen, welche die Erziehungswissenschaft entworfen hat.
Jahr für
Jahr erschöpft sich ihre Kraft bei dem Beginnen, den
Kindern wenigstens elementare Fertigkeiten beizubringen. Sie
stehen immer noch vor der Aufgabe, Kinder der verschiedensten
Reifegrade
zur gleichen Zeit im gleichen Raum zu unterrichten. Sie
leiden nämlich immer noch unter lähmendem Zeitmangel,
da sie sich zur gleichen Stunde verschiedener Gruppen und
unterschiedlicher Aufgaben annehmen müssen. Sie haben immer noch
gegen die Unaufmerksamkeit von Kindern anzugehen, welche durch die
anderen Gruppen abgelenkt werden. Sie müssen immer noch ganze
Bezirke der Wirklichkeit aussparen, weil ihnen keine Arbeitsräume
für Physik und Chemie, für Werken und Hauswirtschaft zur
Verfügung stehen. Sie können sich nämlich immer noch
weder dem gut- noch dem minderbegabten Kind so widmen, wie es ihnen das
Gewissen gebietet.
Das ist nicht
etwa nur die Lage von wenigen Lehrern: Mehr als die
Hälfte aller Volksschulen der Bundesrepublik - die Stadtstaaten
Hamburg, Bremen und Berlin ausgenommen - sind ein- und zweiklassige
Schule. Diese Schulen sind eine rückständige Einrichtung.
Aber ihre Zahl steigt an: In den Jahren von 1950 bis 1957 hat sie um
die
Hälfte.zugenommen. Und in Bayern hat sich ihre Zahl während
der letzten zehn
Jahre verdreifacht.
Ob sich hier wohl
noch das romantische Mißverständnis
auswirkt, auf dem "flachen Lande" lebten nur Bauern, und Bauern suchten
und brauchten nun einmal keinen Anteil am Leben der Gegenwart? Dabei
unterscheiden sich die Berufswünsche der Landkinder kaum noch von
denen der Kinder aus der Stadt. Im Jahre 1957 traten nur 1,7 % der
Kinder, welche aus ein- bis vierklassigen Schulen entlassen wurden, in
land- und forstwirtschaftliche Lehr- und Anlernberufe ein.
Dreißig von hundert Kindern suchten eine handwerkliche, elf von
hundert eine industrielle Lehre. Jedes fünfte Kind wählte
einen Beruf bei der Post, der Bahn, der Verwaltung, im Büro oder
im Geschäft. Allein diese Angaben lassen die Lieblosigkeit einer
Gesellschaft ahnen, die diesen Kindern eine Schulordnung verwehrt,
welche gleiche Startchancen eröffnet."
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Quelle:
Auszug
aus: Horst Wetterling, Stiefkind Volksschule, Zeit vom
2.11.1962
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Eine Gegenposition stellt stellt Herr Dr. Kurt Günther aus
Kassel in einem Leserbrief vom 16. November 1962 dar. Herr Günther
war Schriftleiter der "Zeitschrift des Vereins für Hessische
Geschichte und Landaskunde".
In dem Leserbrief heißt es auszugsweise: "Völlig abwegig ist
Wetterlings Schilderung über die pädagogischen Werte in wenig
gegliederten Landschulen. Der Verfasser hat offensichtlich keinen
blassen Schimmer von der Wirklichkeit einer einklassigen Schule. Diese
hilflosen Lehrertypen existieren an unseren Dorfschulen einfach gar
nicht. Die Konstruktion, daß der Lehrer der ein- und
zweiklassigen Schule "Tag um Tag im muttersprachlichen Unterricht und
im Rechnen" so eine Art 08/15-Methode Pflege, ist für alle
Kollegen solcher Schulformen ein abgrundtiefer, durch nichts
beweisbarer Vorwurf, der schärfstens zurückgewiesen wird.
Horst Wetterling enthüllt mit dergleichen Zumutungen nur seine
gänzliche Unwissenheit über das, was in diesen Schultypen
praktiziert und geleistet wird. Reifegrade und Gruppenarbeit im
gleichen Raum hemmen keineswegs die Unterrichtsvorhaben der
einklassigen Schule, sie sind ganz im Gegenteil bei sinnvollem Einsatz
durch den erfahrenen Pädagogen unschätzbare Hilfsmittel.
Prüfungen und Testaufgaben haben dargelegt, daß die
Dorfschule in der Hand des mit seinem Auftrag verwachsenen Lehrers sich
dem gut wie dem weniger gut begabten Kinde ausgezeichnet widmen kann.
Und letzten Endes sind die wenig gegliederten Schulen heute
überall mit Arbeitsmöglichkeiten für Physik, Chemie,
Werken und Hauswirtschaft ausgestattet - oft weit besser als
Stadtschulen. (?) Nirgends trägt das verantwortliche Handeln des
Lehrers so reiche Frucht wie gerade in der einklassigen Schule. Es ist
für die Gesinnung und Gesittung eines Dorfes in vielen Fällen
von ausschlaggebender, weitreichender Bedeutung, welchen Lebensstil und
welche Lebenshaltung der Lehrer pflegt. Die Mittelpunktschule bricht -
ungeachtet ihrer durchaus anerkennenswerten Vorzüge - mit dieser
organischen Strukturierung. Selbstverständlich hat die einklassige
Schule auch Schwächen, wie sie Wetterling richtig umreißt.
Das soll keineswegs geleugnet werden. Wenn sich dennoch die Zahl der
wenig gegliederten Volksschulen im Laufe der vergangenen
Jahrzehnte stark vemehrt hat, dann kann es mit Wetterlings
Behauptung von der Rückständigkeit dieser
Bildungsstätten wohl nicht ganz stimmen. Oder will der
professorale Kritizismus den Kultusministerien absolute
Betriebsblindheit und völliges Unverständnis vorwerfen?"
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Quelle: Kurt Günther,
Leserbrief, Zeit vom 16.11.1962
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