Lisa Becker, Den Ausbildungsvertrag schon in der Tasche
|
Vorbemerkung:
Der nachstehende Bericht ist der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"
(FAZ) entnommen und beschreibt ein Schulprojekt an der "Kooperativen
Gesamtschule" (KGS) Neustadt am Rübenberge. Direktor der KGS ist Herwig
Dowerk.Herr Dowerk
ist in Gildehaus geboren. Hier
trat er 1973 seine
erste Lehrerstelle an.
Im Vorspann
heißt es:
Ein Schulversuch in Niedersachsen läßt aufhorchen. An der
Kooperativen
Gesamtschule Neustadt schaffen fast alle Hauptschüler den
Abschluss.
70 Prozent beginnen danach eine Ausbildung, die anderen besuchen eine
weiterführende Schule
|
|
Gezielt werden die
Schüler an
die Ausbildungsreife herangeführt
|
|
18. Juli 2009 „Das Projekt ist
phänomenal.“
Hans-Jürgen Irmer lässt seiner Begeisterung freien Lauf.
Die Bewunderung des bildungspolitischen Sprechers der CDU-Fraktion im
Hessischen Landtag gilt einem Schulversuch an einer
niedersächsischen
Hauptschule. Am Morgen sind er und drei Kollegen in das norddeutsche
Städtchen Neustadt am Rübenberge gereist, um sich wie schon
einige Schulpolitiker vor ihnen das „Neustädter Modell“
anzuschauen.
2004 wurde es im Hauptschulzweig der Kooperativen
Gesamtschule
(KGS) begonnen; seitdem haben dort jedes Jahr bis auf höchstens
ein oder zwei Ausnahmen alle Schüler die Schule mit einem
Abschluss verlassen. Vor dem Versuch war das noch anders gewesen:
Jeweils zehn oder elf Hauptschüler hatten den Abschluss nicht
geschafft. Was außerdem erstaunt, ist die hohe
Vermittlungsquote in den Beruf. Knapp 70 Prozent der
KGS-Hauptschüler
haben einen Ausbildungsvertrag in der Tasche, wenn sie die Schule
abschließen; früher war es höchstens ein Viertel. Die
restlichen Schüler besuchen eine weiterführende Schule.
|
|
8 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule
ohne Abschluss

|
|
Lernen an
Praxisbeispielen
Das Interesse von Schulpolitikern aus ganz
Deutschland an dem
Neustädter Schulversuch verwundert wenig, sind doch Jugendliche
ohne Hauptschulabschluss die größten Sorgenkinder unter
allen Schülern. 8 Prozent der Jugendlichen verlassen die Schule
ohne Abschluss. Sie sind besonders gefährdet, zu den rund 15
Prozent der jungen Erwachsenen zu gehören, die keine
Berufsausbildung haben. Die Konsequenz aus diesen Befunden lautet
für
manche, die Hauptschulen abzuschaffen und auf zwei- oder sogar
eingliedrige Schulsysteme zu setzen.
Andere plädieren dafür, die Hauptschulen
zu stärken.
Aber wie? Dass das Neustädter Modell ein Vorbild sein könnte,
hoffen auch die Hertie-Stiftung, die Bundesagentur für Arbeit,
die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und die
Deutsche Bank Stiftung. Die haben der KGS Neustadt gerade den mit 15
000 Euro dotierten ersten Preis in ihrem bundesweiten Wettbewerb
„Starke Schule“ zugesprochen. Damit gehört die KGS für
die Jury zu „Deutschlands besten Schulen, die zur Ausbildungsreife
führen“. Diese Leistung würdigte auch Bundespräsident Horst
Köhler, der den Preis überreichte.
Zwei ganze Tage in der berufsbildenden Schule
Wer nach Neustadt am Rübenberge, das 25 Kilometer
nordwestlich von Hannover liegt, fährt, um sich über den
Schulversuch zu informieren, wird nicht nur vom Direktor der KGS, Herwig
Dowerk, begrüßt, sondern auch von Bernhard Marsch,
der die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Neustadt leitet. Das
Geheimnis des Projektes ist nämlich, dass die Hauptschüler
in der 9. und 10. Klasse zwei ganze Tage in der Woche in der
berufsbildenden Schule verbringen. Dort erhalten sie eine berufliche
Grundbildung.
Die ist so intensiv, dass die meisten, wenn sie
die Schule
abgeschlossen haben, von ihren Ausbildungsbetrieben das erste
Lehrjahr erlassen bekommen. Vor allem praktisch, aber auch
theoretisch lernen sie, wie man Brotteig herstellt, Haare färbt,
Holzwürfel baut oder Metalle bearbeitet. Jeder Schüler muss
sich für eine der vier Fachrichtungen Holz/Farbe, Metalltechnik,
Körperpflege oder Nahrung entscheiden. Einige suchen sich in dem
gewählten Bereich später eine Lehrstelle, andere nicht. „In
jedem Fall wissen sie danach besser, was sie wollen“, sagt Tjark
Ommen, der die Hauptschule leitet.
|
|
„Man geht lieber in die Woche, weil man nicht
nur rumsitzt“
Von den Betrieben, in denen sich die Schüler bewerben,
bekommt Ommen viele
positive Rückmeldungen. „Weil unsere
Schüler schon wissen, was in einem Betrieb passiert, führen
sie Vorstellungsgespräche viel selbstbewusster“, sagt er. So
gäben sie die Hand und stellten sich ordentlich vor. Auch
säßen
sie mit einem geraderen Rücken im Bewerbungsgespräch. „Die
können einfach schon etwas.“
„Wenn ich mich mal bewerbe, kann ich etwas
vorzeigen, was ich
hier schon gemacht habe“, sagt Moritz, der gerade
überlegt,
wie er in der Herstellung eines metallenen Teewärmers weiter
vorgehen soll. Der praktische Unterricht mache ihm richtig Spaß,
sagt er. „Das ist eine gute Abwechslung, man tut etwas und bewegt
sich.“ Ähnliche Sätze sind von vielen anderen Schülern
zu hören. „Man geht lieber in die Woche, weil man weiß,
dass man nicht nur rumsitzt“, sagt Nina, die gerade einer
Mitschülerin die Haare frisiert.
|
|
Tugenden wie Pünktlichkeit werden
besonders stark
gefördert
Die Lehrer der KGS geben nicht nur unumwunden zu,
dass Unterricht
nur an ihrer Schule für viele Hauptschüler zu wenig
wäre.
Sie schwärmen sogar vom Unterricht an der BBS. Dort gebe es
keinen Frontalunterricht, und die Schüler müssten mehr
Verantwortung übernehmen, weil sie Fehler selbst suchen
müssten,
erklärt KGS-Direktor Dowerk.
Auch würden Tugenden wie
Pünktlichkeit und die Bereitschaft, sich anzustrengen, besonders
stark gefördert. Die Schüler müssten an der BBS
stärker am Ball bleiben. Was man dort versäume, müsse
nachgeholt werden.
Die Folge sei eine fast hundertprozentige
Anwesenheit. Für
das Projekt spricht nach Dowerks
Worten außerdem, dass es nur
„ein paar Lehrerstunden mehr“ kostet. Für die oft
wirkungslosen Maßnahmen, die unternommen würden, wenn
Schüler keinen Abschluss machten oder keine Lehrstelle
fänden,
würden hingegen in Deutschland einige Milliarden Euro im Jahr
aufgewendet.
Wer sich so stark gegenüber einer anderen
Schule öffnet,
hatte vermutlich großen Leidensdruck gespürt. Vor dem
Modellversuch sei die Lage an seiner Hauptschule so gewesen wie an
fast allen Hauptschulen in Deutschland, sagt Hauptschulleiter Ommen.
Die Kinder seien beschult worden wie an einem Gymnasium. „Sie
saßen
auf einem Stuhl an einem Tisch, und man brachte ihnen theoretisches
Wissen bei. Viel gebracht hat das nicht.“ Daran hätten auch
die gängigen Maßnahmen der Berufsfindung wie
Betriebspraktika, Unternehmensbesichtigungen und Arbeitsamtsbesuche
kaum etwas geändert. Also setzten sich die Lehrer zusammen und
überlegten, was man ändern könnte. Aus der Erkenntnis
heraus, dass viele Hauptschüler vor allem gut praktisch arbeiten
können, ist man dann auf die Zusammenarbeit mit der BBS
gekommen; ein Vorbild dafür gab es nicht.
|
|
Schüler wissen nun, wofür sie lernen
Ein heikler Punkt war, dass für die vielen
Fachpraxis- und
Fachtheoriestunden Stunden in Mathe, Naturwissenschaften,
Gesellschaftslehre, Kunst und Musik gestrichen werden mussten. Nach
Angaben der Verantwortlichen zeigt aber die bisherige Erfahrung, dass
die Schüler den fehlenden allgemeinbildenden Unterricht durch
eine wesentlich höhere Motivation wettmachten. Die
Null-Bock-Mentalität, die spätestens in der achten Klasse
eingesetzt habe, gehöre an der KGS der Vergangenheit an. Und
gerade in Fächern wie Mathe und Physik wüssten die
Schüler
nun, wofür sie lernten. So wisse eine Schülerin, die
Körperpflege gewählt habe, wie wichtig Prozentrechnung sei,
sagt Ommen. „Sie weiß: Wenn ich mich vertue, hat die Kundin
rote statt blonde Haare.“
Der Neustädter Schulversuch wurde so
konzipiert, dass er auch
über Neustadt hinaus verwirklicht werden kann. In Niedersachsen
sollen von 2010 an möglichst viele Hauptschulen nach diesem
Modell umgebaut werden. An der KGS selbst ist das Projekt schon
erweitert worden. Seit 2007 können ausgewählte
Realschüler
in der Berufsschule Kenntnisse in Mechatronik erwerben. Mit dem
Realschulabschluss legen sie eine Prüfung ab, die dem Niveau der
Zwischenprüfung des Ausbildungsberufes Mechatronik entspricht.
Darüber scheint sich auch die Industrie zu freuen. Volkswagen
bot vor kurzem zwölf Ausbildungsplätze in Mechatronik an.
Auf diese bewarben sich 800 junge Menschen, darunter fünf
KGS-Realschüler. Alle wurden genommen.
|
Quelle: FAZ,
18.7.2009
|
|