Zur
Entlassungsfeier kam die Militärregierung
"Diamantener
Abiturjahrgang" von 1947 erinnert sich - Nordhorns "Abiturienten der
Stunde Null"
von Thomas
Kriegisch
"Sie
waren Nordhorns Abiturienten der "Stunde Null", der erste
Jahrgang, der nach dem Krieg an der Staatlichen Oberschule für
Jungen am Stadtring wieder das Abitur machte. Als die 19- bis
20-Jährigen im Frühjahr 1947 ihre Hochschulreife
absolvierten, da trugen manche noch ihre zerschlissene Kleidung aus
Krieg und Gefangenschaft, da musste der Klassenraum von ihnen selbst
mit einem Kanonenofen beheizt werden, da gab es weder genug zu essen
noch Schreibpapier - und zu
ihrer Entlassungsfeier kamen der
englische Stadtkommandant und Vertreter der Militärregierung als
höchste Repräsentanten von Nordhorn. Hinter den damals 63
Abiturienten lagen "Drittes Reich", Krieg, Elend, Chaos und
der totale Zusammenbruch Deutschlands - und vor ihnen ein Land in
Trümmern.
60
Jahre nach ihrer Abiturprüfung an der damaligen Staatlichen
Oberschule trafen sich am vergangenen Wochenende noch einmal 23
Ehemalige dieses "Diamantenen Abiturjahrgangs" von 1947 und
begaben sich unter Leitung von Studiendirektor Jan Leutenantsmeyer
"ad fontes": Der Besuch des Stadtring-Gymnasiums führte
sie noch einmal "zurück zu den Quellen" - durch einige
Räume, die zum Teil heute noch mit Tischen und Stühlen von
damals möbliert sind. Organisiert hatten dieses Treffen Mimi
Heller, Helmut
Koepchen, Jan Kortmann
und Karl-Heinz Lammering.
Helmut
Koepchen hatte am Sonnabend dem Abiturjahrgang 2007 bei der
Entlassungsfeier in der Alten Kirche in einem Grußwort noch
einmal aus einer Zeit vor 60 Jahren berichten dürfen, die gar
nicht so lange zurück liegt, aber heute jungen Menschen nur noch
schwer vorstellbar ist. Bereits 1943 wurden die Jungen der
Oberschule, die auch Mädchen offen stand, 16-jährig dem
Elternhaus entrissen, kaserniert, an Flakgeschützen ausgebildet
und zu Luftwaffenhelfern gemacht. Bei Fliegeralarm hatten sie die
Stadt vor Tieffliegern zu schützen, wobei der Schulunterricht
für sie immer sporadischer erteilt wurde. Dennoch gab es
Schulzeugnisse, die Eltern und Batteriechefs zur Unterschrift
vorgelegt werden mussten.
1944
wurden die jungen Luftwaffenhelfer nach Lingen abkommandiert, wo sie
am "Georgianum" im Schnitt nur noch zehn Wochenstunden
Unterricht erhielten. Im August 1944 endete dann für viele
vorzeitig mit den Einberufungen zur Wehrmacht oder zum
Reichsarbeitsdienst die Schulzeit - und im November 1944 fiel der
erste Schulkamerad aus Nordhorn mit 18 Jahren bei Kämpfen in den
Vogesen, andere starben auf den Schlachtfeldern noch im letzten
Kriegsmonat 1945.
Auch
die Mädchen des Oberschul-Jahrgangs blieben vom Kriegseinsatz
nicht verschont: Zur Versorgung von Schanzarbeitern wurden sie im
Kloster Bardel kaserniert. Nach Beendigung dieses Einsatzes ging
für
sie und den Rest des Jahrgangs der Unterricht bis 1945 in einem
Luftschutzbunker weiter.
Mit
dem Einmarsch der Alliierten im Frühjahr 1945 in Nordhorn
begannen dann die "längsten Osterferien": Die Schule
wurde geschlossen. Erst im Dezember 1945 wurde für die
Unterprima der Unterricht mit zwei Klassen zu je 30 Schülern
wieder aufgenommen, wobei die Fahrschüler aus dem Grafschafter
Umland beschwerliche und Zeit raubende Wege auf sich nehmen mussten.
Erteilt wurden die Fächer Deutsch, Englisch, Latein, Mathematik,
Physik, Chemie und Religion - Erdkunde, Geschichte und Biologie
standen noch nicht auf dem Stundenplan: Zu kurz war der zeitliche
Abstand zum nationalsozialistischen Weltbild, es gab keine
"gesäuberten" Lehrbücher.
"Nach
dem Motto ,Wir sind noch einmal davon gekommen- waren bei uns
Lebenswille und Lebensfreude ungebrochen", berichtet Koepchen:
Im Frühjahr 1946 besuchte man die Tanzstunde, feierte und
flirtete man im bescheidenen Rahmen bei Foxtrott und langsamem
Walzer. Nach dem Abitur wollten dann 16 Schüler Ingenieure
werden. Zu dem Berufswunsch schrieb am 4. März 1947 das "Neue
Tageblatt": "Ein Beruf, dem gewisse Chancen offen stehen,
wenn die zerstörten Städte Deutschlands wirklich mal wieder
aufgebaut werden."
Die
Chancen jedoch, 1947 erst einmal einen der wenigen Studienplätze
zu bekommen, waren eher gering. Voraussetzungen für die
Nordhorner Abiturienten waren etwa die Vorlage einer
Unbedenklichkeits-Bescheinigung des Entnazifizierungsausschusses
sowie die drei Monate lange Teilnahme als Bauhilfsarbeiter im
Studentenbautrupp für den Wiederaufbau der Universitäten.
Und wer dann im Wintersemester 1947/1948 tatsächlich sein
Studium beginnen konnte, der hatte kaum satt zu essen, lebte in einem
ungeheizten Zimmer und stand Schlange für Lebensmittel.
Lehrbücher gab es - wenn überhaupt - nur antiquarisch,
Papier war knapp und Studiengebühren mussten auch gezahlt
werden. Eine langsame Wende trat erst mit der Währungsreform
1948 und der Staatsgründung der Bundesrepublik 1949 ein. "Wir
wollten fertig werden und unsere Eltern entlasten", erinnert
sich Koepchen:
"Danach haben wir aktiv am Wiederaufbau
teilgenommen."
Heute
sagt Helmut Koepchen
für alle anderen des Abiturjahrgangs von
1947: "60 Jahre sind seit unserem Abitur ins Land gegangen und
aus der europäischen Wüste ist ein blühendes Europa
geworden. Es waren nach schwerer Jugend 60 Jahre in Frieden und
Freiheit mit persönlichen Erfolgen und Enttäuschungen... -
eben nichts mehr Besonderes, sondern ein ganz normales menschliches
Leben."
Quelle: Grafschafter Nachrichten, 4. Juli 2007
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