Grafschafter Schulgeschichte

Schöltien 

Wielen

Schule Hesepe 

1960

Gymnasium

Nordhorn 1960

Alte Schule Lage 

1691 - 1960

Schule Achterberg

ca. 1935

Schule Wilsum 

um 1900

Kirchschule Schüttorf um 1900

Einzelbericht zur Bildungspolitik

Zur Entlassungsfeier kam die Militärregierung

"Diamantener Abiturjahrgang" von 1947 erinnert sich - Nordhorns "Abiturienten der Stunde Null"

von Thomas Kriegisch

"Sie waren Nordhorns Abiturienten der "Stunde Null", der erste Jahrgang, der nach dem Krieg an der Staatlichen Oberschule für Jungen am Stadtring wieder das Abitur machte. Als die 19- bis 20-Jährigen im Frühjahr 1947 ihre Hochschulreife absolvierten, da trugen manche noch ihre zerschlissene Kleidung aus Krieg und Gefangenschaft, da musste der Klassenraum von ihnen selbst mit einem Kanonenofen beheizt werden, da gab es weder genug zu essen noch Schreibpapier - und zu ihrer Entlassungsfeier kamen der englische Stadtkommandant und Vertreter der Militärregierung als höchste Repräsentanten von Nordhorn. Hinter den damals 63 Abiturienten lagen "Drittes Reich", Krieg, Elend, Chaos und der totale Zusammenbruch Deutschlands - und vor ihnen ein Land in Trümmern.
60 Jahre nach ihrer Abiturprüfung an der damaligen Staatlichen Oberschule trafen sich am vergangenen Wochenende noch einmal 23 Ehemalige dieses "Diamantenen Abiturjahrgangs" von 1947 und begaben sich unter Leitung von Studiendirektor Jan Leutenantsmeyer "ad fontes": Der Besuch des Stadtring-Gymnasiums führte sie noch einmal "zurück zu den Quellen" - durch einige Räume, die zum Teil heute noch mit Tischen und Stühlen von damals möbliert sind. Organisiert hatten dieses Treffen Mimi Heller, Helmut Koepchen, Jan Kortmann und Karl-Heinz Lammering.
Helmut Koepchen hatte am Sonnabend dem Abiturjahrgang 2007 bei der Entlassungsfeier in der Alten Kirche in einem Grußwort noch einmal aus einer Zeit vor 60 Jahren berichten dürfen, die gar nicht so lange zurück liegt, aber heute jungen Menschen nur noch schwer vorstellbar ist. Bereits 1943 wurden die Jungen der Oberschule, die auch Mädchen offen stand, 16-jährig dem Elternhaus entrissen, kaserniert, an Flakgeschützen ausgebildet und zu Luftwaffenhelfern gemacht. Bei Fliegeralarm hatten sie die Stadt vor Tieffliegern zu schützen, wobei der Schulunterricht für sie immer sporadischer erteilt wurde. Dennoch gab es Schulzeugnisse, die Eltern und Batteriechefs zur Unterschrift vorgelegt werden mussten.
1944 wurden die jungen Luftwaffenhelfer nach Lingen abkommandiert, wo sie am "Georgianum" im Schnitt nur noch zehn Wochenstunden Unterricht erhielten. Im August 1944 endete dann für viele vorzeitig mit den Einberufungen zur Wehrmacht oder zum Reichsarbeitsdienst die Schulzeit - und im November 1944 fiel der erste Schulkamerad aus Nordhorn mit 18 Jahren bei Kämpfen in den Vogesen, andere starben auf den Schlachtfeldern noch im letzten Kriegsmonat 1945.
Auch die Mädchen des Oberschul-Jahrgangs blieben vom Kriegseinsatz nicht verschont: Zur Versorgung von Schanzarbeitern wurden sie im Kloster Bardel kaserniert. Nach Beendigung dieses Einsatzes ging für sie und den Rest des Jahrgangs der Unterricht bis 1945 in einem Luftschutzbunker weiter.
Mit dem Einmarsch der Alliierten im Frühjahr 1945 in Nordhorn begannen dann die "längsten Osterferien": Die Schule wurde geschlossen. Erst im Dezember 1945 wurde für die Unterprima der Unterricht mit zwei Klassen zu je 30 Schülern wieder aufgenommen, wobei die Fahrschüler aus dem Grafschafter Umland beschwerliche und Zeit raubende Wege auf sich nehmen mussten. Erteilt wurden die Fächer Deutsch, Englisch, Latein, Mathematik, Physik, Chemie und Religion - Erdkunde, Geschichte und Biologie standen noch nicht auf dem Stundenplan: Zu kurz war der zeitliche Abstand zum nationalsozialistischen Weltbild, es gab keine "gesäuberten" Lehrbücher.
"Nach dem Motto ,Wir sind noch einmal davon gekommen- waren bei uns Lebenswille und Lebensfreude ungebrochen", berichtet Koepchen: Im Frühjahr 1946 besuchte man die Tanzstunde, feierte und flirtete man im bescheidenen Rahmen bei Foxtrott und langsamem Walzer. Nach dem Abitur wollten dann 16 Schüler Ingenieure werden. Zu dem Berufswunsch schrieb am 4. März 1947 das "Neue Tageblatt": "Ein Beruf, dem gewisse Chancen offen stehen, wenn die zerstörten Städte Deutschlands wirklich mal wieder aufgebaut werden."
Die Chancen jedoch, 1947 erst einmal einen der wenigen Studienplätze zu bekommen, waren eher gering. Voraussetzungen für die Nordhorner Abiturienten waren etwa die Vorlage einer Unbedenklichkeits-Bescheinigung des Entnazifizierungsausschusses sowie die drei Monate lange Teilnahme als Bauhilfsarbeiter im Studentenbautrupp für den Wiederaufbau der Universitäten. Und wer dann im Wintersemester 1947/1948 tatsächlich sein Studium beginnen konnte, der hatte kaum satt zu essen, lebte in einem ungeheizten Zimmer und stand Schlange für Lebensmittel. Lehrbücher gab es - wenn überhaupt - nur antiquarisch, Papier war knapp und Studiengebühren mussten auch gezahlt werden. Eine langsame Wende trat erst mit der Währungsreform 1948 und der Staatsgründung der Bundesrepublik 1949 ein. "Wir wollten fertig werden und unsere Eltern entlasten", erinnert sich Koepchen: "Danach haben wir aktiv am Wiederaufbau teilgenommen."
Heute sagt Helmut Koepchen für alle anderen des Abiturjahrgangs von 1947: "60 Jahre sind seit unserem Abitur ins Land gegangen und aus der europäischen Wüste ist ein blühendes Europa geworden. Es waren nach schwerer Jugend 60 Jahre in Frieden und Freiheit mit persönlichen Erfolgen und Enttäuschungen... - eben nichts mehr Besonderes, sondern ein ganz normales menschliches Leben."

Quelle: Grafschafter Nachrichten, 4. Juli 2007